Kolumne "Mensch Gladbach": Der Fluch des Erfolgs

Kolumne "Mensch Gladbach": Der Fluch des Erfolgs

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Postfilialen ohne Briefkasten. Hochzeitskulissen ohne ausreichend Termine. Riesenbusse, die kleine Wohnstraßen verstopfen. All das kann passieren, wenn die Nachfrage größer ist als erwartet.

Unsere französischen Nachbarn wissen offenbar nicht nur, wie es sich gut leben lässt. Sie haben auch kluge Lebensweisheiten im Repertoire. Zum Beispiel diese: "Hab Geduld, alle Dinge sind schwierig, bevor sie einfach werden." Das hätten sich in dieser Woche manche in Mönchengladbach zu Herzen nehmen können. Denn man konnte sich doch mal wieder wundern. Dabei war der Ursprung immer eine gute Idee - eigentlich ...

Wie bei der Sache mit dem Heiraten. Standesamt, Kirche, dann Familienfeier im Gasthaus an der Ecke - damit ist es heutzutage ja nicht getan. Der mutmaßlich wichtigste Tag im Leben ist ein Ereignis, nein, sogar ein Event! Das wird inszeniert, nicht nur fürs Foto, braucht also die entsprechende Kulisse. Wo kann man sich nicht schon überall das Jawort geben! Unter Wasser, in der Luft, auf dem Berggipfel. Auf dieses Bedürfnis musste die Stadt Mönchengladbach reagieren und hat vor einigen Monaten drei neue Hochzeitsorte in ihr standesamtliches Repertoire aufgenommen: die Hugo-Junkers-Lounge im früheren Hangar am Flughafen (die Tante Ju als Trauzeugin in der Nähe), das Palace St. George im Nordpark (sogar eine ehemalige Kirche) und natürlich - Hand auf die Raute - das Borussia-Stadion.

Alles wunderbar. Nur hatte man offenbar nicht damit gerechnet, dass das Angebot tatsächlich auf Interesse stößt. Jedenfalls sieht die Regelung vor, dass nur einmal im Monat an einem Tag an einem dieser besonderen Orte eine formale Trauung durchgeführt werden kann. Die Nachfrage, wenig überraschend, ist aber wesentlich größer. Was für die gute Idee spricht. Nur mit der Umsetzung hapert's halt. Immerhin gibt es Hoffnung: Es sei nur eine Pilotphase, versichert man im Rathaus, selbstverständlich werde man auf die Nachfrage reagieren.

Sehr ähnlich ist die Antwort der Verantwortlichen in einem anderen Fall, der viele Mönchengladbacher bewegt: Die frisch in Betrieb genommene Postfiliale an der oberen Hindenburgstraße, die für diesen Teil der Stadt auch belebende Wirkung haben soll, hat keinen Briefkasten. Glauben Sie nicht? Ist wirklich so. Außerhalb der Schalterzeiten kann man bei dieser Post keine Post einwerfen. Nun könnte man meinen, dass die Post analogen Briefverkehr für überholt und längst von E-Mails abgelöst hält. Oder nicht damit gerechnet hat, dass das neue Angebot tatsächlich auf eine Nachfrage trifft. Siehe oben. Ist aber nicht so. Man hat schlicht vergessen, den Antrag für das Aufstellen des Briefkastens zu stellen.

Eine hohe Nachfrage ist auch der Auslöser eines anderen Ärgernisses, das diese Woche publik wurde. Die NEW hat ihren Busfahrplan umgestellt - einer Kundenbefragung entsprechend, wie es heißt. Die hat offenbar im Nordosten der Stadt einen immensen Bedarf an Busfahrten ergeben. Jedenfalls fahren nun durch eine relativ beschauliche Wohnstraße in Bettrath ziemlich lange Gelenkbusse. Die machen laut den Anwohnern nicht nur viel Lärm, sondern blockieren zeitweise alles. Dass die Busse oft leer fahren, mag wohl daran liegen, dass sich dort der End- und Startpunkt dieser Linie befindet. Dennoch: Gut gemeint, nicht gut gemacht.

Aber wir leben ja in einer Zeit, durch die der Start-up-Geist weht. Und da ist das Scheitern quasi die Vorstufe zum Erfolg. Deshalb haben wir Geduld, wenn die Dinge schwierig sind, und warten, bis sie endlich einfach werden. In diesem Sinne: Einfach ein schönes Wochenende!

(dr)