Denkanstoß Mönchengladbach Ein anderes Kapitel aufschlagen

Mönchengladbach · Der Gedanke an „die Kirche“ ist für Propst Peter Blättler derzeit wenig einladend. Für ihn ist es Zeit, die alten Botschaften ganz anders zu lesen – für ein neues christliches Miteinander.

 Propst Peter Blättler in der Kirche St. Vitus.

Propst Peter Blättler in der Kirche St. Vitus.

Foto: Ilgner,Detlef (ilg)/Ilgner Detlef (ilg)

„Jesus verkündete das Reich Gottes – gekommen ist die Kirche.“ In der fünften Jahreszeit sei dieser selbstironische Satz einmal erlaubt. Vielen, denen das kirchliche Leben und die christliche Botschaft lieb und teuer sind, mag der Satz des Bibelwissenschaftlers Alfred Loisy (1857–1940) wie schwarzer Humor vorkommen. Andere werden sagen, dass das kirchliche Desaster noch nicht mal mehr mit Humor zu ertragen ist. Ist es eine Ironie der Geschichte, dass die Rede vom Kommen des Reiches Gottes im Entstehen der Institution Kirche endete?

Der Gedanke an „die Kirche“ ist derzeit wenig einladend. Viele kehren der Kirche den Rücken zu. Frohmachende, sinnstiftende und lebenswerte Wege suchen sie lieber anderswo. Selbst als Pfarrer ertappe ich mich bei der Frage, ob ich in der bisherigen Weise weiter mitgehen möchte. Da gibt es eine Gestalt von Kirche, die ich hinter mir lassen möchte. Und doch gibt es immer noch die Sehnsucht nach einer anderen Gestalt von Kirche.

Ich dachte: Es wird Zeit, ein anderes Kapitel aufzuschlagen. Es wird Zeit, die alte Botschaft mal ganz anders zu lesen. Mir fiel dabei auf, dass der Evangelist Lukas aus dieser Motivation heraus ein zusätzliches Evangelium geschrieben hat. Er unternimmt  den Versuch, alles noch einmal sorgfältig ins Wort zu bringen. Und zwar auf einen ganz bestimmten Adressaten hin (vgl. Lk 1, 3).

Er schreibt sein Evangelium nur für „Theophilus“. Die ganze „Frohe Botschaft“ neu und anders formuliert, damit ein gewisser Theophilus sich angesprochen fühlt. Theophilus könnte historisch betrachtet ein gebildeter, heidnischer Taufbewerber gewesen sein. Aber bereits der Kirchenvater Origenes (um 185–254) sieht in ihm eher einen fiktiven Adressaten: Einfach einen „suchenden und Gott liebenden“ Menschen. Von diesen gibt es heutzutage noch einige.

Wenn wir ein anderes Kapitel im christlichen Miteinander aufschlagen, das wäre es doch. Ein Kapitel, das sich nicht an überlebten Strukturen und missbräuchlichen Verhaltensweisen orientiert, sondern an den Fragen und Sehnsüchten des „Theophilus“ oder der „Theophila“. Lukas lässt Jesus selbst dieses Kapitel aufschlagen.

Bei seinem ersten Auftritt in der Synagoge von Nazareth „reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja“ (Lk 4, 17). Diese Szene in der Synagoge von Nazareth kann man sich nicht feierlich genug vorstellen: Jesus geht nach vorne und liest aus der Schriftrolle: „Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4, 18b; 19). Diese Stelle wird zur Kernbotschaft der Verkündigung Jesu vom Reiches Gottes.

Schade ist nur, dass die Worte und Taten Jesu schon lange nicht mehr die Worte und Taten einer bestimmten Gestalt von Kirche sind. Aber wie ernst nehme ich persönlich die Worte Jesu? Sind die Worte Jesu noch meine Worte? Wird der Theophilus oder die Theophila, die ja oft genug in uns selbst steckt und die ebenso in unserer Nachbarschaft zu finden ist, schon bald erleben können, dass von uns Christen ein anderes Kapitel aufgeschlagen wird?

Übrigens: Alfred Loisy hat den eingangs zitierten Satz gar nicht ironisch gemeint. Er wollte, dass die Kirchenoberen sich schleunigst an die eigene Nase fassen und dem Anspruch Jesu gerecht werden. Also: keine selbstgerechte, sondern eine menschengerechte Kirche. „Kehrt um und glaubt der Frohen Botschaft“ heißt es bereits an Aschermittwoch.

Peter Blättler ist Pfarrer in der Kirche Sankt Vitus und Leiter der GDG Mönchengladbach.

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