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Denkanstoß in Mönchengladbach: Wie meine Oma das Christkind gesehen hat

Kolumne Denkanstoß : Wie meine Oma das Christkind gesehen hat

Es ist gut und hat gar nichts mit Schwäche zu tun, wenn man sich verzaubern lässt wie die ein fünfjähriges Mädchen, findet unsere Autorin.

Ich liebe Weihnachtsgeschichten! Und kitschig dürfen sie auch sein. Natürlich sehe ich den „Kleinen Lord“, und ich bin bekennende Sissi-Guckerin. Solche Geschichten haben etwas Therapeutisches. Es tut einfach gut, wenn das Gute siegt und das Böse sich trollen muss. Das ist ein bisschen wie Weihnachtsbotschaft, nur eben ohne Krippe: Frieden auf Erden fängt in unseren Herzen an – mal ganz fromm gesprochen. In diesen ätzenden, dunklen und nassen Tagen kann man gut brauchen, dass eine Geschichte mit hohem „Heile-Welt-Anteil“ das Herz wärmt.

In meiner Familie gibt es zwei oder drei Erzählungen, die durch die Generationen durchgereicht worden sind. Bis heute. Eine davon ist die Geschichte davon, wie meine Oma das Christkind gesehen hat. Meine Oma war als erwachsene Frau sehr klar und kantig und jeder Anflug von Kitsch und Gefühlsduselei in ihrer Umgebung hatte fern zu bleiben. Sie hatte zwei Weltkriege hinter sich, und sie war ganz sicher eines: nüchtern. Dass sie als vielleicht fünfjähriges Mädchen das Christkind gesehen hat, gehört in die Familienüberlieferung und ist so sicher belegt wie der Standort der Pyramiden von Gizeh. Bis ins hohe Alter hat sie davon erzählt, wie sie – es muss so das Jahr 1912 gewesen sein – durch das Schlüsselloch gelauert und das Christkind auf der Leiter gesehen hat. In einem weißen Kleid, mit langen goldenen Haaren, umgeben von Sternenschimmer, hatte es die Strohsterne und Kugeln aufgehängt. Barfuß war es, glaube ich – aber es kann sein, dass diese Entdeckung nachträglich in die Geschichte gefunden hat. Wenn meine Oma das erzählte, dann wurde die Erzählung von Mal zu Mal wunderlicher, das Christkind schöner, die Haare goldener und es wäre ein gemeines Attentat auf die Poesie gewesen, wenn man erwähnt hätte, dass das wahrscheinlich ihr Bruder Wilhelm war, der den Auftrag hatte, die Tanne zu dekorieren und mit ihr lediglich die Fantasie einer Fünfjährigen durchgegangen sei. Total egal, wer genau auf der Leiter gestanden hat – der Zauber zählt. Entzauberung? Furchtbar!

Wer in späteren Jahren doch auf diese außerordentlich naseweise Idee kam, das anzumerken, wurde von ihr mit einem sehr kühlen Blick bedacht: Armes Menschenkind, sollte das heißen, du hast ja keine Ahnung.

Andere Weihnachtsgeschichten sind im Laufe der Jahre dazu gekommen. Wie der englische Granatsplitter 1944 den Gussbräter mit dem Christstollen getroffen hat und der gute Stollen hin war – der Topf auch. Und wie Weihnachten 1947 einfach gar nichts für ein Weihnachtsessen zu bekommen war und sich deshalb alle das Wenige geteilt haben, das noch zu finden war. Wenn man das heute so Revue passieren lässt, dann merkt man schnell, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Christkindgeschichte und der mit dem Granatsplitter. Vielleicht brauchen wir ja Christkindgeschichten, um Granatsplittergeschichten zu ertragen. Ich bin mir sicher, dass wir auch heute, wo vieles so klar, aufgeklärt, säkular, strukturiert, wissenschaftlich eindeutig daherkommt, diese Erzählungen brauchen. Und dass es gut ist und gar nichts mit Schwäche zu tun hat – im Gegenteil – wenn man sich verzaubern lässt wie die fünfjährige Emmi.

Ob es nun der Wilhelm war oder das Christkind – ist doch egal, wenn es nur ein wenig Wunder in die Welt bringt.

Martina Wasserloos-Strunk ist Leiterin der Philippus Akademie im Evangelischen Kirchenkreis Gladbach-Neuss.