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Denkanstoß in Mönchengladbach: Peter Blättler über Zeit in der Pandemie

Kolumne Denkanstoß aus Mönchengladbach : Zeit und Gebet in der Pandemie

Man sollte sich nicht immer dem Diktat der Zeit hingeben, sagt Pfarrer Peter Blättler. Es lohne sich, zwischendurch einmal innezuhalten.

Das gesellschaftliche Leben ist weiterhin stillgelegt. Eine Verlängerung des Lockdowns war zu erwarten. Die Verschärfung von Kontaktbeschränkungen macht vielen Menschen schwer zu schaffen. Lockdown und Shutdown mögen notwendige Maßnahmen in dieser Zeit der Pandemie sein. Aber sie tragen die Gefahr in sich, auch mich selbst herunterzufahren, abzuschirmen und zu verlieren. Viele befürchten, dass diese Zeit der Pandemie zur verlorenen Zeit werden könnte. Dies gilt besonders für die jüngsten in unserer Gesellschaft: Kontaktbeschränkung ist für Kinder und Jugendliche alles andere als förderlich.

Wie schwer es ist, die Zeit im Lockdown auszuhalten und auszufüllen, wissen mittlerweile viele. Denn normalerweise ist unser Zeitempfinden ja ein völlig anderes: Da ist Zeit Mangelware, da haben wir keine Zeit oder die Zeit läuft uns permanent davon. Der Terminkalender ist prall gefüllt und die Lücken darin reichen gerade aus, um ein wenig Luft zu holen. Selbst Kinder und Jugendliche kennen das schon. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit ist oft Not und Sucht zugleich. Aber sie prägt unser Zeitverständnis. Und jetzt: Was ist mit der Zeit und unserem Zeitempfinden im Shutdown?  

Vielleicht lohnt es sich, innezuhalten und die Zeit selbst in den Blick zu nehmen. Ein anderer Umgang mit ihr könnte unserer Seele guttun. Wie die Zahlen auf der Uhr läuft scheinbar Zeit voran, ohne Rücksicht auf meine eigene innere Befindlichkeit. Zeit ist Geld. Selbst Freizeit will geplant werden und unterliegt dem Diktat der laufenden Zahlen auf unseren digitalen Uhren. Mit der Zeit müssen wir Schritt halten, wenn wir etwas werden wollen. Zeitverlust wird in solcher Betrachtungsweise schnell zum Selbstverlust. Aber stimmt diese Betrachtung?

 Was sehe und entdecke ich von mir selbst, wenn ich Zeit einmal einfach nur als meine Zeit wahrnehme? Sie zeigt sich ja nicht nur auf unseren Uhren. Viel ursprünglicher und natürlicher zeigt sie sich im Lauf eines Tages. Die Zeit am Morgen ist eine andere als die am Abend. Die Mittagszeit ist gefüllt vom Licht des Tages. Am Morgen beginnt etwas, was sich zum Abend hin wieder schließt. Die Nacht in ihrer Dunkelheit kann Angst bereiten und Ruhe geben. Auch im Jahreslauf gibt mir die Zeit einen Rhythmus vor, der sich vom permanent gleichen Rhythmus einer digitalen Uhr unterscheidet. Zeit, die sich in ihrer ursprünglichen Natürlichkeit zeigt, läuft mir nicht weg. Im Gegenteil: Sie gibt sich mir zu jeder Tages- oder Jahreszeit immer wieder neu wie ein Geschenk. Am Morgen anders als am Abend und noch einmal anders im Lauf der Jahre. Zeit, die sich mir gibt und so zu meiner Zeit werden kann, ist nie verlorene Zeit. Natürlich kennt sie Höhe- und auch Tiefpunkte. Die Winterzeit hat eben eine andere Qualität als Frühling und Sommer. Aber Zeit, die zu meiner Zeit werden kann, kennt einzigartige Augenblicke, die ganze Zeiträume füllen können. Sie hat das Potenzial, mich in nur einem Augenblick näher zu mir selbst zu bringen.

Solche Augenblicke haben natürlich etwas mit Nähe, Freundschaft und geteilter Zeit zu tun. Darum: Lockdown und Shutdown haben für sich genommen keine Qualität und schon gar keine Lebensqualität. Aber selbst diese Zeit bietet die Möglichkeit, Zeit zu meiner Zeit werden zu lassen. Der hl. Benedikt – kein Unbekannter am Abteiberg –  hat übrigens in seiner Regel die Gebetszeiten an die Tagzeiten geknüpft, weil jede unterschiedliche Zeit die Chance bietet, dem Schöpfer der Zeit und damit ihrer Fülle zu begegnen. Zeit läuft eben nicht nur vor uns her. Sie kann und will uns auch gerade jetzt etwas sagen. Die Verwobenheit von Zeit und Gebet gibt der Seele des Menschen nicht nur Struktur und Halt. Sie fügt dem Lauf der Zeit auch eine kostbare Dimension hinzu.