1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach

Denkanstoß aus Mönchengladbach: Auschwitz nicht totschweigen

Denkanstoß aus Mönchengladbach : Auschwitz nicht totschweigen

In der internationalen Gedenkstätte Yad Vashem werden Opfer des Holocaust in Fotografien und Steckbriefen vorgestellt. Für unsere Autorin ist dies ein gutes Beispiel für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Erinnerung an diese Verbrechen.

Kennen Sie Ichak Kuczynski? Bis vor kurzem kannte ich ihn auch nicht. Jetzt habe ich eine Fotografie von ihm auf meinem Schreibtisch. Aus dem Schwarzweiß-Bild blickt mich ein junger Mann an. Er trägt eine Uniform und eine Mütze. Freundlich, ein bisschen stolz lächelt er in die Kamera. Es ist der Übermut, dieses „mir gehört die Welt“, den manche Jungs so um die zwanzig im Gesicht stehen haben. Mir sind besonders seine Augen aufgefallen. Sie leuchten voller Lebenslust, so als hätte jemand das Bild mit Photoshop bearbeitet. Aber das kann nicht sein, denn Ichak Kuczynski ist schon lange tot. Ermordet in Auschwitz.

Geboren wurde er 1914 in Polen. Er ist der Sohn von Kalman und Miriam Kuczynski. Auf der endlos langen Liste der ermordeten Kuczynskis im Archiv der internationalen Gedenkstätte Yad Vashem findet sich auch der Name seiner Mutter. Wo der junge Jude Ichak geboren wurde, weiß man nicht. Die spärlichen Informationen über ihn besagen, dass er während des Zweiten Weltkriegs in Warschau gelebt haben muss. Mehr ist nicht bekannt. Ich habe diese Angaben auf der IRemember Wall von Yad Vashem gefunden. Dort werden Opfer des Holocaust in Fotografien und Steckbriefen vorgestellt. Wer will, kann digital seinen Namen mit einem der Opfer verbinden. Die Idee dahinter ist, die Namen, die Menschen, die Opfer, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Über 90.000 Menschen auf der ganzen Welt beteiligen sich an dieser Aktion. Unter den „Top countries“ ist Deutschland ganz oben. Seit dem letzten Jahr haben mehr als 25.000 Menschen in Deutschland eine solche „Patenschaft“ übernommen, um an einen ermordeten Menschen zu erinnern.

  • Esther Bejarano erzählte beeindruckend aus ihrem
    Esther Bejarano im Zeitzeugengespräch mit dem Gymnasium Kevelaer : Mit Musik das Lager überlebt
  • Im Unterricht mit Geschichtslehrerin Annick Berthod
    Initiative „Jeder Name zählt“ : Projekt rettet Opfer vor dem Vergessen
  • Vier Neusserinnen im Trikot des Düsseldorfer
    Hockey : Neusser Quartett feiert DM-Titel

Wer mag Ichak gewesen sein? Wovon hat er geträumt? Was war sein Lieblingsessen? Wen hat er lieb gehabt? Hat er mit seinen Kumpels mal eine Nacht durchgemacht? Es gibt niemand mehr, der von ihm erzählt. Er ist nicht der Opa oder Uropa geworden, über dessen Wunderlichkeiten die Enkel Späße machen, oder von dem sie Anekdoten erzählen. Siegfried Lenz hat einmal gesagt: „So seltsam es klingen mag: Auschwitz bleibt uns anvertraut. Es gehört uns, so, wie uns die übrige eigene Geschichte gehört. Mit ihr in Frieden zu leben, ist eine Illusion; denn die Herausforderungen und die Heimsuchungen nehmen kein Ende.“ Das bewahrheitet sich in Deutschland und in Europa zurzeit täglich.

Überall hören wir davon, dass der Antisemitismus Zulauf findet, dass antisemitische Positionen für Menschen „einleuchtend“ sind. So, als gäbe es kein Gestern. Dabei kann man ziemlich einfach die Sache auf den Punkt bringen: Wenn es kein Gestern gibt, dann gibt es auch kein Morgen. Alle, die glauben, man könnte diesen Teil der deutschen Vergangenheit nun zu den Akten legen, loswerden, totschweigen, vergessen, relativieren, sind auf dem Holzweg. Es ist oft gesagt worden: Es geht heute nicht mehr um Schuld, sondern um Verantwortung. Es geht darum, etwas zu lernen.

Die von einigen politischen Dampfschädeln geforderte „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ ist ein Unding. Wir müssen darüber reden, als Zivilgesellschaft, mit unseren Kindern und auch mit den jungen Menschen, die aus vielen Ländern zu uns geflüchtet sind. Sie müssen verstehen lernen, dass der Umgang mit der Vergangenheit in Deutschland und die Verantwortung für das Geschehene so etwas wie „Staatsräson“ ist. Da gibt es keine Spielräume. Ich bin überzeugt davon, dass auch das ein Lernprozess ist. Die Erinnerung an Auschwitz bleibt uns anvertraut. Gehen wir verantwortungsvoll damit um. Damit Bilder von jungen Menschen wie Ichak nicht bei irgendwem weit weg, unbekannt und ohne Geschichte auf dem Schreibtisch stehen müssen, sondern da, wo sie hingehören, in die Erinnerung einer Familie und in die Geschichten der Kinder und Enkel.

Martina Wasserloos-Strunk ist Leiterin der Philippus Akademie im Evangelischen Kirchenkreis Gladbach-Neuss.