Denkanstoß: Anspruchslosigkeit

Serie Denkanstoß: Anspruchslosigkeit

Am 4. Oktober gedenkt die Kirche dem Mann, der Anspruchslosigkeit zu seinem Lebensprinzip ernannte. Der heilige Franz von Assisi (1181/82-1226) sollte uns Beispiel sein.

Immer wieder trifft man auf Worte, die einen bis ins Mark berühren, weil sie in Klarheit eine Wahrheit formulieren. So erging es mir, als ich bei einer Predigtvorbereitung auf ein Zitat von Robert Walser (1878-1956) stieß: „Anspruchslosigkeit ist eine Waffe, vielleicht eine der glänzendsten, die es im Leben gibt.“ Einen weiten Weg musste Walser gehen, um zu dieser Einsicht zu gelangen, denn er war zwar ein hervorragender Schriftsteller, doch zu seinen Lebzeiten konnte er von seinem Schreiben nicht leben, sondern musste in niedrigen Stellungen sein Brot verdienen, Ruhm und Reichtum blieben ihm zeitlebens verwehrt.

Was passiert, wenn die Gier danach in einem übermächtig wird, wenn Ansprüche ins Unermessliche gesteigert werden, das konnte ich schon als Kind erkennen. Schon damals hatte ich Mitleid mit dem armen Fischer, dessen Frau Ilsebill nie so wollte wie er; und noch heute erinnere ich mich an meine staunende Sprachlosigkeit, als ich zum ersten Mal von dieser Maßlosigkeit hörte, die immer mehr forderte, bis man zuletzt Gott sein wollte. Natürlich meine ich das Märchen der Gebrüder Grimm: „Von dem Fischer und seiner Frau“. Auch die schier endlose Geduld des Butts konnte nicht verhindern, dass dieses Märchen nie zu meinen Favoriten zählte.

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Das Wort „Anspruch“ war wie „Einspruch, Absprache, Fürsprecher u.a.“ zunächst im gerichtlichen Kontext angesiedelt, erst später wanderte es in den allgemeinen Sprachgebrauch; gleichwohl hat es seinen rechtlichen Beiklang nie verloren. Gottlob leben wir in einem Rechtsstaat, und so haben wir uns angewöhnt, unsere Ansprüche ihm gegenüber einzuklagen. Auch als Konsumenten sind wir mit der Zeit immer anspruchsvoller geworden, was durchaus verständlich ist, denn für unser hart erarbeitetes Geld wollen wir eine angemessene Gegenleistung. Und als geschichtsbewusste Wesen haben wir unterschwellig den Anspruch, dass es auch zukünftig immer besser wird, dass die heutigen Probleme von der Wissenschaft, der Medizin, der Technik von morgen gelöst werden. Doch spätestens hier sollten wir innehalten und erkennen, dass unser Anspruchsdenken nicht grenzenlos ausdehnbar ist, will man nicht im Fahrwasser einer Ilsebill enden!

Denn auf eine gute Zukunft haben wir keinen Anspruch, genau so wenig wie auf die wirklich wichtigen, grundlegenden Dinge des Lebens wie Freundschaft und Liebe, Gesundheit und Glück, langes Leben und gnädiger Tod und vieles mehr! Auf das Eigentliche des Lebens, was es reich und schön macht, haben wir keinen Anspruch, sondern können es nur erhoffen. Es ist nicht einklagbar, sondern wir können nur darum bitten und beten und das uns Mögliche dazu beitragen. Aber genau davon leben wir! Mehr als das tägliche Brot brauchen wir doch das, was uns nicht geschuldet, sondern geschenkt wird. Nächste Woche (am 4. Oktober) erinnert die Kirche an einen Menschen, der wie kein Zweiter verstanden hat, dass es letztlich keinen Anspruch auf einen Anspruch gibt und deshalb in unüberbietbarer Weise die Anspruchslosigkeit lebte. Deshalb verzichtete er auf ein reiches Erbe, verließ er sein Elternhaus, gab er alles den Ärmsten der Armen, pflegte er die Leprakranken. Deshalb wurde Franziskus (1181-1226) schon zu seinen Lebzeiten als das „andere Ich von Christus“ bezeichnet. Dieser Mann aus Assisi erkannte, dass alles im Leben Geschenk Gottes ist, und es eigentlich nur einen Anspruch gibt, dass wir einander zum Geschenk werden. Wie fremd ist uns anspruchsvollen Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts diese Sicht auf das Leben geworden; um unserer selbst willen sollten wir das ferne Winken aus Assisi zumindest wahrnehmen.

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