Redaktionsgespräch Jutta Profijt: "Das Verbrechen sollte am Anfang stehen"

Redaktionsgespräch Jutta Profijt: "Das Verbrechen sollte am Anfang stehen"

Die Mönchengladbacher Autorin Jutta Profijt spricht über Literaturpreise, kritische Erstleser und den Reichtum der Schriftsteller.

Frau Profijt, Sie sind gerade für Ihr Buch "Unter Fremden" mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet worden. Herzlichen Glückwunsch! Wie haben Sie sich bei der Preisverleihung gefühlt?

Profijt Ich wusste seit dem 4. Februar, dass ich zu den fünf Nominierten gehöre, aber ich habe nicht wirklich mit dem Preis gerechnet. Die Konkurrenz war sehr stark. Deshalb war ich sehr positiv überrascht, als ich aufgerufen wurde. Die Preisverleihung läuft nämlich so ab wie beim Oscar, man weiß vorher nicht Bescheid. Die Nominierten sitzen im Saal und es gibt dann vier enttäuschte Gesichter und ein glückliches.

Das glückliche Gesicht gehörte Ihnen. Haben Sie sich dann auch wie die Oscar-Preisträger bei Ihren Eltern bedankt?

Profijt (lacht) Nein, ich habe mich nur bei Leuten bedankt, die auch im Saal waren. Ich habe zum Beispiel bei diesem Buch ein Autoren-Coaching in Anspruch genommen, weil ich in einer Sackgasse war und nicht weiterkam. Beim Coaching wurde der Knoten zerschlagen, dafür habe ich mich unter anderem bedankt.

"Unter Fremden" ist Ihr erster ernster Krimi. Ihre erfolgreiche "Kühlfach"-Reihe ist ja auch durch schwarzen Humor geprägt. Wie sind Sie auf die Idee zu dem jetzt ausgezeichneten Roman gekommen?

Profijt Die Idee trage ich schon lange mit mir herum. Ich habe 2008 den ersten interkulturellen Garten in der Stadt mit gegründet und habe bei der Begleitung des Projekts nicht nur Tipps zur Aussaat von Salat und Möhren gegeben, sondern auch viele Menschen unterschiedlichster Herkunft kennengelernt. Sie fühlten sich alle fremd, aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens, ihrer Gewohnheiten. Dieses Gefühl des Fremdseins wollte ich in eine Geschichte verpacken. Als dann die Flüchtlinge aus den syrischen Kriegsgebieten zu uns kamen, verband sich das mit meiner Idee. Deshalb ist die Hauptfigur eine Syrerin, für die wir die Fremden sind. Dieser Perspektivwechsel war mir sehr wichtig.

Gibt es ein reales Vorbild für Ihre Figur?

Profijt Ich verwende nie reale Vorbilder. Die meisten Menschen - ich eingeschlossen - sind viel zu uninteressant als Hauptfigur. Bei einem Buch über mein Leben würden die Leser bei Seite 30 einschlafen. Allerdings habe ich mich bei meiner syrischen Hauptfigur mit ihrem Hintergrund auseinandergesetzt. Insofern ist die Figur stärker von der Realität beeinflusst als andere. Ich wollte ja niemandem Unrecht tun.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Hatten Sie schon als Kind eine Affinität dazu?

Profijt Nicht direkt. Ich habe zwar in der Schule gern geschrieben, dann aber nichts in dieser Hinsicht getan, bis ich 2002 in der RP einen Artikel über die Restaurierung des Münsters las. Da hatte ich die Idee zum Lokalkrimi "Münsterschatz". Daran habe ich dann ein Jahr lang gearbeitet. Übrigens habe ich die erste Version mit der Hand geschrieben, weil ich am PC einen totalen Blackout hatte. Vor dem Computer fiel mir absolut nichts ein. Der "Münsterschatz", den wir noch selbst verlegt haben, ist gut angekommen. Danach hat sich ein Verlag bei mir gemeldet. 2006 habe ich dann einen Vertrag mit dtv über die Kühlfachkrimis gemacht und seitdem arbeite ich nur noch als Autorin und nicht mehr als freiberufliche Übersetzerin.

Wer darf Ihre Bücher zuerst lesen?

Profijt Mein Mann. Er ist der kritische Erstleser. Beim ersten Buch hat er auch noch seitenlange Anmerkungen gehabt, aber das hat deutlich nachgelassen. Ich erzähle ihm auch während der Arbeit nichts über das Buch. Der Erstleser sollte die Geschichte nicht kennen.

Gab es schon einen Ehekrach wegen der Kritik?

Profijt (lacht) Nicht mehr. Anfangs fand ich es schon schwierig, Kritik am Text von Kritik an meiner Person zu trennen. Aber das habe ich inzwischen gelernt. Lektoren machen ja nichts anderes - sie kritisieren den Text auf professioneller Basis. Wenn eine Szene nicht funktioniert, muss man sie rauswerfen oder ändern.

Wie sieht der Tagesablauf einer Autorin aus? Setzen Sie sich morgens um acht an den Schreibtisch und schreiben bis zwölf?

  • Europäischer Kriminalliteratur-Preis : Fünf Autoren nominiert

Profijt Mein Tagesablauf ist meist sehr ungeordnet. Wenn ich aber einen Vertrag habe, habe ich neun Monate Zeit für ein Buch. Dann bin ich sehr diszipliniert, mache mir einen Plan, wann die Rohfassung und wann die Endfassung stehen müssen und wie viel Zeit ich für die sprachliche und stilistische Überarbeitung brauche. Mein Arbeitspensum richtet sich aber auch immer ein bisschen nach dem Wetter. Da wir Selbstversorger bei Obst und Gemüse sind, teile ich den Tag auch zwischen Gartenarbeit und Schreibtischarbeit auf. Im Sommer zumindest. Im Winter kann es auch sein, dass ich jeden Tag von acht Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags schreibe.

Woher holen Sie sich Ihre Inspirationen?

Profijt Die besten Ideen kommen einfach so. Damit aus einer Idee aber ein Buch wird, muss man lange darüber nachdenken. Lesen hilft, um sich Anregungen zu holen, aber auch Kreativtechniken wie die Mindmap. Oder man schlägt den Duden auf, tippt auf ein Wort und muss das in der Geschichte unterbringen. Aber die Geschichte entwickelt beim Schreiben auch eine Eigendynamik, die Handlung ändert sich. Bei einem Krimi sollte man das Verbrechen und die Möglichkeiten der Aufklärung allerdings am Anfang planen. Sonst lässt sich das Verbrechen am Schluss nicht lösen. Einmal ist mir das passiert. Hinterher hatte ich ein anderes Verbrechen und einen anderen Täter.

Was wollen Leser von Autoren wissen? Was werden Sie bei Lesungen gefragt?

Profijt Das Schöne ist, dass Krimileser meist keine Scheu haben, Fragen zu stellen. Die meisten fragen, woher die Idee stammt und wie lange man an dem Buch gearbeitet hat. Erstaunlicherweise fragt kaum jemand, wer über die Titel oder das Cover entscheidet. Das sind nämlich nicht die Autoren, wie viele meinen, das wird vom Verlag festgelegt. Das ist auch ganz gut so, weil viele Autoren doch sehr emotional mit ihrem Text umgehen und entsprechende Titel favorisieren. Das Produkt - Titel und Cover - muss den Leser aber anspringen. Aber man kann Vorschläge machen.

Wird man vom Bücherschreiben reich?

Profijt (lacht) Die Autoren bekommen fünf Prozent. Das heißt, wenn ein Buch zehn Euro kostet, erhält der Autor fünfzig Cent. Ein Buch zu schreiben ist immer ein Glücksspiel, man weiß nicht, ob es sich verkauft. Bei großen Verlagen ist allerdings ein Vorschuss üblich, das ist ein Garantiehonorar, das dem Autor auf jeden Fall bleibt. Insgesamt wird es schwieriger, weil die Leute weniger lesen und stattdessen lieber ständig WhatsApp-Nachrichten schreiben. Auch die unschöne Entwicklung, dass Content bei der Flatrate-Generation keinen Wert mehr darstellt, macht Autoren und Verlagen zu schaffen.

Sie können aber vom Schreiben leben?

Profijt Ja, weil meine Bücher auch ins Englische übersetzt werden. Die USA und Großbritannien sind ein großer Markt.

Wie ist das Verhältnis der Autoren untereinander?

Profijt Ich bin glücklich, dass ich Krimis schreibe. Im "Syndikat", dem wunderbaren Zusammenschluss der deutschsprachigen Krimiautoren, herrscht ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Unsere Fachtagung, die Criminale, ist immer ein Highlight für mich.

Der Verein verleiht auch den Friedrich-Glauser-Preis.

Profijt Ja, der Preis wird von Kollegen verliehen. Das macht ihn so wichtig, denn sie sehen nicht auf die Verkaufszahlen oder auf die Meinung der Kritiker. Autoren schreiben für Leser, Kritiker drängen sich dazwischen. Deswegen sind für mich Autoren- und Leserpreise so interessant.

GABI PETERS UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH

(arie)
Mehr von RP ONLINE