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Mönchengladbach: Das spannendste Buch der Stadt

Mönchengladbach : Das spannendste Buch der Stadt

So kurzweilig kann Geschichte sein: Oberbürgermeister Norbert Bude erklärte Montag 25 RP-Lesern beim Blättern durchs goldene Buch, warum nur Kofi Annan in Blau schrieb, wie ein Bischof für protokollarische Wirren sorgte und warum Prinzessin Anne sich für ihren Namen entschuldigte.

Einen der 25 RP-Leser, die die Sonderführung durch das Rathaus Abtei gewonnen hatten, begrüßte Norbert Bude besonders herzlich: Peter Ullrich (93), den ältesten aktiven Karnevalisten der Stadt, den die Älteren wegen seines Seifengeschäfts und seines Schnäuzers alle nur "Seepe Schnäuz" nennen. "Peter, kann ich Dir überhaupt noch was Neues erzählen?", fragte Bude foppend. Er konnte. Zwar nicht übers Rathaus Abtei ("Ich weiß noch genau, wie man nach dem Bombenangriff vom Dach bis in den Keller gucken konnte"). Und auch nicht über den Löwen von Gladbach ("Ich war bei der Einweihung 1933 dabei"). Aber über das goldene Buch der Stadt. Ein bisschen ehrfürchtig standen die Leser vor dem mächtigen Buch mit schwerem braunen Ledereinband und einem goldenen Wappen Mönchengladbachs. Sie konnten nicht genug bekommen von den Anekdoten, die Norbert Bude erzählte, und wollten ihn am liebsten keine einzige Seite überblättern lassen.

Kein Wunder. Denn ein Stück Nachkriegsgeschichte lässt sich anhand des Buches erzählen. Nato-General Lauris Nostard war nur ein paar Wochen hier, bevor ihn Kennedy wegen des Streits über die richtige Militär-Strategie in Europa abservierte. Willy Brandt war vier Wochen hier, bevor er Bundeskanzler wurde. Und weil halt Wahlkampf war, trug sich auch So-gerade-noch-Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger ins goldene Buch ein. Da sich als allererster dort Konrad Adenauer 1953 verewigt hatte und gut 30 Jahre später Helmut Kohl kam, sind also die Unterschriften von vier Kanzlern im Buch.

Helmut Schmidt trug sich zwar nicht ein, dafür aber seine Frau Loki gleich zwei Mal. Einmal unterschrieb sie als Begleiterin von Dschihan El-Sadat, beim zweiten Mal, als sie selbst mit der Goldenen Blume von Rheydt ausgezeichnet wurde — allerdings an der falschen Stelle. "Eigentlich unterschreibt man nicht unter, sondern über dem Namen und der offiziellen Bezeichnung", erklärt Bude. Diese vorbereitete Zeilen sehen zwar aus wie gedruckt, sind aber von einem ausgebildeten Kalligraphen per Hand geschrieben.

Wegen der hier stationierten Soldaten stehen immer wieder Mitglieder der englischen Königsfamilie im goldenen Buch. Sie unterschreiben stets nur mit ihrem Vornamen. "Prinzessin Anne hat sich bei ihrem letzten Besuch entschuldigt, dass ihr Name dadurch so kurz ist", erzählt Bude. Dafür hat die Royal Highness das "e" in ihrem Namen königlich geschwungen. Alle haben im Buch mit schwarzer Tinte unterschrieben: egal ob auf Tibetisch wie der Dalai Lama, gemalt wie Franz Alt und mit Noten wie Paul Hindemith. Nur Friedensnobelpreisträger Kofi Annan schrieb in Blau. Er unterzeichnete mit seinem eigenen Füller. Dabei war die goldene Feder des städtischen Schreibgeräts für diese Anlässe kurz vor seinem Besuch noch einmal ausgewechselt worden, wie Protokollchef Michael Oehlers erzählte. Sie hatte gekratzt.

Ganz selten muss schon mal eine Seite mit Hilfe eines Rasiermessers entfernt werden — wie erst vor ein paar Wochen, als zum Abschied der Schnellen Eingreiftruppe im JHQ Verteidigungsminister zu Guttenberg kurzfristig absagte. Ein einziges Mal musste aber auch nachträglich etwas ergänzt werden. Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff hatte den Primas der kolumbianischen Kirche, Kardinal Pedro Rubiano Sáenz, mitgebracht. "Als Mussinghoff mich fragte, ob sich der Kardinal nicht auch eintragen dürfte, konnte ich diesen Wunsch ja schlecht verwehren", sagt Bude. Also wurde der Name Sáenz unter der Unterschrift nachträglich eingefügt.

Stadtarchivar Dr. Christian Wolfsberger warnte die RP-Leser: "Mit dem Goldenen Buch von Gladbach kann ich nicht mithalten." Das erwies sich als Understatement. Denn auch über die beiden Bücher der Stadt Rheydt gibt es viele spannende Geschichten zu erzählen. Der aus Rheydt stammende Propagandaminister Joseph Goebbels wird 1933 als Ehrenbürger der Stadt Rheydt bezeichnet, die zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wieder eigenständige Stadt ist.

Bude, Wolfsberger und Oehlers führten die RP-Leser durch die Abtei. Sie durften auch ins Büro des Oberbürgermeisters, der seinen Schreibtisch und sein Stehpult genau so zeigte wie einige der Geschenke, die er offiziell bekam. Einer schrieb viele der Informationen aufmerksam mit: Peter Ullrich.

(RP)