Fernsehkritik: Das (Rats-)TV-Ereignis des Jahres

Fernsehkritik : Das (Rats-)TV-Ereignis des Jahres

Erstmals wurde gestern eine Ratssitzung live ins Internet übertragen. Wie überzeugend agierten die Hauptdarsteller? War die Handlung spannend genug, um auch beim nächsten Mal einzuschalten? Wie waren Schnitt, Maske, Kostüme? Eine Rezension.

Die Sendezeit Zu den Hoch-Zeiten von "Wetten, dass..?" haben andere TV-Anstalten gar nicht erst versucht, ernsthafte Konkurrenz gegen Gottschalk ins Rennen zu schicken. Man sendete lieber Wiederholungen. Dasselbe Phänomen ist bei wichtigen Fußballspielen zu beobachten. Da ein solches gestern Abend im Borussia-Park stattfand, haben die Produzenten von "Die Ratssitzung" sicherheitshalber entschieden, die Ausstrahlungszeit ihrer Sendung auf 13 Uhr vorzuziehen. Das ist nicht unbedingt Prime-Time, sollte aber sicherstellen, dass ausreichend Mönchengladbacher TV-Zuschauer Kapazitäten haben. Möglicherweise war es aber auch so, dass die Politiker pünktlich zum Fußball kommen wollten.

Die Werbung Die WDR-2-Nachrichten wiesen bereits am Vormittag auf das große TV-Event aus Mönchengladbach hin. Auch die Junge Union, die das Livestream-Angebot vor drei Jahren erstmals eingefordert hatte und damit einen Filmförderungs-Sonderpreis verdient hätte, wies im Vorfeld noch einmal auf den von ihr selbst so bezeichneten "Blockbuster" hin. Die Stadt hingegen hielt es in den Tagen und Wochen vor der Ausstrahlung nicht noch einmal für nötig, die Bevölkerung explizit darüber zu informieren. In der Pressemitteilung zur Ratssitzung wurde die Möglichkeit, die Veranstaltung live im Internet zu verfolgen, nicht einmal erwähnt.

Die weibliche Hauptdarstellerin: Nicole Finger (FDP). Foto: Schnettler, Jan

Der Auftakt Wer pünktlich um 13 Uhr mit Knabberzeug und Kaltgetränken vor dem Rechner saß, musste erst noch einmal sieben Minuten warten, bis sich etwas tat. Dann knisterte es, und mit einem Zoom auf einen der Hauptdarsteller von "Die Ratssitzung", Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners, begann die Übertragung.

Der Schnitt Unter cineastischen Gesichtspunkten sagen wir mal: avantgardistisch. In einer der ersten großen Szenen der Übertragung - dem Programmpunkt "Außerplanmäßige Haushaltsmittel für die Zuführung zum Sonderposten für den Gebührenhaushalt Rettungsdienst" - redete zwar Kämmerer Kuckels, die Kamera blieb jedoch über seine gesamte Redezeit hinweg auf Reiners. Dann gab es einige rasante Kameraschwenks; als Torben Schultz von den Linken redete, war zunächst noch sein Vorredner Boris Wolkowski von den Grünen zu sehen, wie er sich Kaffee einschüttet. Auch mit den "Bauchbinden" klappte nicht alles auf Anhieb: Da wurde der Beigeordnete Matthias Engel auch mal als SPD-Fraktionschef Felix Heinrichs bezeichnet. Heimlicher Star der Übertragung war Gerd Brenner von den Grünen: Der hatte zwar in der ersten Stunde noch keine Sprechrolle, war aber auffällig häufig im Bild zu sehen.

Felix Heinrichs (SPD). Foto: Schnettler, Jan

Die Handlung Abwechslungsreich und kontrovers! Nach 20 Minuten gab es bereits die erste abenteuerliche inhaltliche Volte. OB Reiners verkündete, dass der Antrag das Gladbacher Citymanagements für den verkaufsoffenen Sonntag am 30. April am Vorabend zurückgezogen worden sei. Die Linke jubilierte, das Raunen im Saal wurde vernehmlich. Der Zuschauer fing langsam an zu grübeln: Kristallisiert sich die von Torben Schultz verkörperte Figur als Film-Schurke heraus?

Die weibliche Hauptrolle Hollywood, heißt es immer wieder, hat ein Problem damit, Frauen jenseits der 40 noch gute Rollen anzubieten. Auch bei "Die Ratssitzung" dauerte es eine halbe Stunde, bis zum ersten Mal überhaupt eine Frau im Bild zu sehen war: Nicole Finger von der FDP. Sie legte sich sogleich mit Schultz an und holte sich dafür viel Applaus ab. Dann trat aber bereits ein Charakter namens Doc Schlegelmilch auf den Plan. Ist er so angelegt wie Doc Brown in "Zurück in die Zukunft"? Oder eher einer Arztserie entsprungen? Jedenfalls schlug er sich sogleich beherzt auf die Seite der toughen Heldin und warf die Frage auf, ob Schultz' Einlassungen vielleicht medizinische Ursachen haben könnten. Denn der trage mit seiner Ablehnung verkaufsoffener Sonntage dazu bei, dass sich Mönchengladbach "selbst verzwergt". Ein Hinweis darauf, dass "Die Ratssitzung" auch Elemente aus dem Fantasy-Genre enthalten wird? Schultz verbat sich den Verzwergungs-Vorwurf natürlich - es lief auf eine Konfrontation hinaus!

Dezernent Matthias Engel. Foto: Schnettler, Jan

Die Action Auch für sportliche Elemente sorgte vornehmlich "Evil" Schultz: Er verglich sogar die zu modernisierende Bezirkssportanlage Hardt mit einer Carrera-Bahn. Aber er spielte auch geschickt mit den Sympathien und Antipathien der Zuschauer. Er sagte eigentlich zu jedem Thema was und begrüßte jedes Mal aufs Neue ganz artig alle "lieben Bürgerinnen und Bürger" an den Empfangsgeräten. Das Publikum schlussfolgerte: Dieser Mime muss Theater-Vergangenheit haben!

Der Beau Gerade noch auf dem Titelbild von "Men's Health" (oder liegt da eine Verwechslung vor?), jetzt schon eine publikumswirksame Hauptrolle: Dieser fesch gekleidete Felix Heinrichs macht schon wirklich eine verdammt gute Figur im Fernsehen! Nur blöd, dass die Produktion zu spät auf die Bildschirme kam, um noch bei der diesjährigen Berlinale berücksichtigt werden zu können. Und kein Wunder, dass nach der Sitzung jemand mit Kreide "Felix, I love you" auf die Rathaustreppe gepinselt hatte!

Die Werbepause Es dauerte eine Stunde und elf Minuten, bis der geneigte Zuschauer erstmals die Gelegenheit bekam, seine Blase zu entleeren - dann aber auch richtig. Denn beim Tagesordnungspunkt "Metropolregion Rheinland" bat Doc Schlegelmilch um Sitzungsunterbrechung. Um mit seinem DeLorean in die Zukunft zu reisen? Nein, weil darüber diskutiert wurde, welche Mitglieder in die Gründerversammlung entsendet werden, und zwar geschlagene 37 Minuten lang. Nicht eben zuschauerfreundlich. Da schaltet man nämlich schon mal um. Vielleicht läuft ja irgendwo noch eine andere Ratssitzung, aus Wuppertal oder Iserlohn vielleicht?

Interaktive Elemente Die "Blaue Karte", ein Novum in der deutschen Fernsehgeschichte, hätte jeder Politiker hochhalten können, der nicht im Fernsehen erscheinen möchte. Sie kam aber leider nicht zum Einsatz. Noch innovativer wäre es übrigens, wenn auch jeder Zuschauer eine blaue Karte hätte und einzelne Politiker ausblenden könnte. Die zweite Halbzeit der Sitzung nach der Pause ist dann schnell erzählt: Es ist nicht mehr viel passiert. Kein großes Finale - dem Film ging hintenraus die Puste aus. Nach jecken 2:22 Stunden war Schluss.

Die Einschaltquoten 1500 Zugriffe habe es gegeben, 90 bis 100 seien permanent dabeigeblieben, berichtete Stadtsprecher Wolfgang Speen. Die Techniker, die die Liveübertragungen auch in anderen Städten realisieren, hätten angegeben, die Zahlen seien durchaus vergleichbar mit Köln. Dann kann "Die Ratssitzung" ja in Serie gehen - die nächste Folge ("Die Ratssitzung 2: Jetzt erst recht") wird am 6. April gezeigt.

(tler)