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Mönchengladbach: "Das Leid ist so greifbar geworden"

Mönchengladbach : "Das Leid ist so greifbar geworden"

Mit einer berührenden Veranstaltung verarbeiten Zehntklässler der Gesamtschule Hardt ihren Besuch in Auschwitz.

Zum Schluss betreten sie alle nacheinander die Bühne, legen einen Stein neben der flackernden Kerze nieder und bilden einen Halbkreis. Mit Schweigen endet die Veranstaltung, die sich mit Ereignissen beschäftigt hat, für deren Beschreibung nicht nur Schülern oft die Worte fehlen. Aber die Schüler haben die Sprachlosigkeit überwunden, die sie angesichts des Grauens der Vernichtungslager von Auschwitz und Birkenau überfiel. Sie haben ihre Erlebnisse in einer Veranstaltung mit Fotos, Texten, Musik und dem Bericht eines Zeitzeugen mit anderen Schülern geteilt.

Und sie haben Schlüsse aus ihrer Beschäftigung mit dem Holocaust und ihrem Besuch im Konzentrationslager gezogen. "Dagewesen zu sein war eine sehr wichtig Erfahrung, auch wenn es schlimm war", sagt Joshua. "Wenn ich jetzt dem Thema Antisemitismus begegne, dann hat das für mich etwas Persönliches", sagt Hedia. "Ich schaue anders auf mein Leben", sagt Mia. Die drei gehören zu einer Gruppe von 26 Schülern der zehnten Jahrgangsstufe der Gesamtschule Hardt, die freiwillig während der Karnevalstage - begleitet von drei Lehrerinnen - zu den Gedenkstätten des Holocausts fuhren. Die Erfahrung, am Ort der Verbrechen zu stehen, berührt die Besucher aus Deutschland tief. "Kilometerweit gingen wir über die Asche der Toten, die in den Birkenwäldern verstreut worden war", berichtet Ute Gärtner, eine der begleitenden Pädagoginnen. "Diese Form der sinnlichen Erfahrung, der konkreten Begehung verschlug uns allen die Sprache." Auf den Wegen zu gehen, auf denen die Häftlinge gehen mussten, am selben Bahnsteig zu stehen, die Gegenstände zu sehen, die übrig geblieben waren - das vermittelt die Vergangenheit auf einer ganz anderen Ebene als dies Fotos, Filme oder Bücher je tun können. "Ich habe die Fotos gekannt, aber wenn man an diesem Ort steht, ist das eine andere Erfahrung", sagt Martha. "Das Leid ist so greifbar geworden." Wer in Auschwitz gewesen sei, werde niemals solche Zeilen schreiben wie es die umstrittenen Rapper getan haben.

In der Veranstaltung, an der alle Zehntklässler der Gesamtschule teilnahmen, berichtete ein Zeitzeuge, der anonym bleiben möchte, von seiner Geschichte. Er stammt aus einer sogenannten "Mischehe": der Vater war katholisch, die Mutter jüdischer Herkunft. Die Großeltern mütterlicherseits wurden ebenso wie der Onkel in Konzentrationslagern ermordet. Der Vater wurde gemobbt, unter Druck gesetzt, entlassen und musste schließlich untertauchen, die Mutter wurde zur Zwangsarbeit von der Gestapo abgeholt und später nach Theresienstadt gebracht, Sie überlebte aber, ebenso wie die vier Kinder. "Schuld kann nicht vererbt werden", schließt der Zeitzeuge, "aber Verantwortung kann man erben."

Der Verantwortung haben sich die Schüler mit ihrem Auschwitzbesuch gestellt. "Wir dachten vorher, wir wüssten alles, wir haben es ja in vielen Unterrichtsfächern durchgenommen", sagt Hedia. "Aber dann merkt man, dass man wenig weiß", sagt Joshua. Wären sie für einen Pflichtbesuch in Auschwitz während der Schulzeit? "Ja", sagt Martha, "es ist eine so wichtige Erfahrung." "Nein", meint ihre Lehrerin Ute Gärtner. "Dazu soll man niemanden zwingen. Nicht jeder kann und will damit umgehen."

(RP)