Mönchengladbach: "Das Leben ist ein komischer Zufall"

Mönchengladbach: "Das Leben ist ein komischer Zufall"

Joseph Schmitz (95) erzählt zum Auftakt unserer neuen Serie von seiner Jugend, dem Krieg und seiner großen Liebe Margret.

Joseph Schmitz, geboren am 1. Mai 1922, ist derzeit der älteste Bewohner im Otto-Zillessen-Seniorenhaus. Gut gelaunt öffnet der 95-Jährige seine Wohnungstür, während laut "Call Me Maybe" der kanadischen Sängerin Carly Rae Jepsen aus der Musikanlage tönt. "Die Sinneswahrnehmungen werden mit zunehmendem Alter schlechter", sagt Joseph Schmitz und dreht die Musik leiser. Scherzend fährt er fort: "Also eigentlich könnte ich die Zeitung auch abbestellen, ich kann eh nur noch die Überschriften mit der Lupe lesen." Trotzdem verzichtet er nicht auf das tägliche Ritual.

Dank seines Wehrpasses kann Joseph Schmitz bei seiner Gefangennahme nach dem 2. Weltkrieg beweisen, dass er kein SS-Offizier ist. Foto: Bauch Jana

Der 95-Jährige überlegt kurz und beginnt zu erzählen, von seiner Kindheit, vom Krieg, vom Wiederaufbau, von der Liebe und vom Leben. "Von früher weiß ich noch alles, ganz genau. Nur das Kurzzeitgedächtnis, das lässt langsam nach. Das ist das Traurige im Alter."

Ihr erstes "Date" hatten Joseph Schmitz und seine geliebte Margret auf einem Sommerfest vom Kirchenchor. Foto: Bauch Jana

Joseph Schmitz besucht erst die Volksschule, anschließend eine Klosterschule. Sein Berufsziel ist fortan Missionar. Als der Krieg beginnt, wird seine Schule geschlossen, und alles kommt anders. Er muss in den Krieg ziehen. Zuerst nach Bad Zwischenahn, dann Oldenburg und Nürnberg, später Turin, Neapel und Cassino in Italien. Schließlich wird er im Mai 1945 an die oberschlesische Ostfront, Grenze Tschechien, beordert. Dort kann er seiner Familie ein letztes Lebenszeichen übermitteln. Fünf Monate der Ungewissheit folgen, weder Vater noch Mutter wissen, was mit ihrem Sohn ist: Lebt er, ist er gefallen oder in Gefangenschaft?

Foto: Bauch Jana

Mit etwa 13 Kameraden versucht Joseph, sich Richtung Westen aufzumachen. Sie marschieren durch den Wald, müssen eine freie Fläche überqueren. Ein russischer Flugzeugangriff überrascht sie. Zu dritt flüchten sie an den Waldrand, liegen im Dickicht, werden beschossen, bleiben unentdeckt. Joseph und seine zwei Kameraden marschieren weiter, immer weiter. Geschlafen wird bei Tag, marschiert wird in der Nacht. Erneut muss eine freie Waldfläche überquert werden. Als tschechische Partisanen die drei Freunde entdecken, rennen die um ihr Leben. Einer von ihnen wird im Laufen erschossen, es ist nicht Joseph. Er wird mit seinem letzten Kameraden gefangen genommen, verhört und gefilzt. Beide müssen mit zugewandtem Rücken vor den Tschechen stehen. Als Joseph das Klicken eines geladenen Gewehrs hört, denkt er, dass dies sein Ende ist, dass er nie mehr nach Hause kommt und seine Eltern nicht wiedersieht. Die Partisanen finden jedoch einen Rosenkranz in Josephs Tasche. "Der Rosenkranz war mein Lebensretter", vermutet Joseph Schmitz. "Die Tschechen fragten mich nach der Bedeutung der drei Perlen. Ich kam aus einer streng katholischen Familie und war schon immer sehr gläubig. So konnte ich mit meinem Wissen beweisen, dass ich Christ bin und kein Nazi." Der junge Kriegsgefangene wird den Russen ausgeliefert, Richtung Osten transportiert.

An der rumänisch-russischen Grenze hält der Transportzug, die Gefangenen müssen umsteigen und einem Arzt vorgeführt werden. Sie werden begutachtet, alle sind nackt. Joseph ist abgemagert, er wird aussortiert und ins Krankenlager gebracht, dort als "total arbeitsunfähig" erklärt und entlassen.

Joseph Schmitz hat Glück, kann der Kriegsgefangenschaft früh entkommen und sich auf den Weg nach Hause machen. Das Wiedersehen mit seiner Mutter im Oktober 1945 soll für immer der schönste Moment seines Lebens bleiben. Noch heute erinnert er sich mit Tränen in den Augen an die ersten Worte seiner Mutter: "Joseph, du bist es wirklich." Der Kriegsheimkehrer hat drei Monate Zeit, um seinen mageren Körper zu stärken und neue Kraft zu gewinnen. Die Lebensmittelversorgung ist knapp. Die Stadt ist zerstört. Nur wer hart schuftet, bekommt eine Lebensmittelkarte. So beginnt er als Zwangsarbeiter in einer Schuttkolonne an der Viktoriastraße.

Durch Beziehungen kann er 1946 eine Hilfsarbeiterstelle bei einem Gladbacher Vermessungsbüro beginnen und erhält durch sein Geschick im folgenden Jahr einen Lehrvertrag zum Vermessungstechniker. Hier ist er ein Überflieger und soll für seinen Fleiß belohnt werden. Er steigt vom Hilfsarbeiter zum leitenden Ingenieur auf. Rückblickend ist der heute 95-Jährige stolz auf das, was er trotz der schwierigen Umstände aus sich und seinem Leben gemacht hat.

Im Mai 1953 heiratet er seine langjährige Liebe Margret. Joseph Schmitz erinnert sich an ihre erste Begegnung 1946: "In meine Frau Margret habe ich mich damals, ohne ein Wort zu wechseln, verliebt. Wir waren mit einem Hilfsarbeiterclub in einem Bus unterwegs - auf einem Ausflug zu einer Tropfsteinhöhle. Eine Unbekannte saß mir gegenüber, Margret. Ich war fasziniert von ihr und hatte sie die ganze Zeit im Blick. Ich wünschte mir, dass die Fahrt niemals enden würde. Noch Stunden hätte ich dort so sitzenbleiben können. Ich glaube an Liebe auf den ersten Blick und hatte eine sehr glückliche Ehe, die leider viel zu kurz war." Margret erkrankt mit 49 Jahren an Brustkrebs. Für das Ehepaar und seine zwei Söhne folgt ein 14-jähriger Kampf gegen den Krebs. 1990 wissen Joseph und Margret, dass das nächste Jahr das letzte gemeinsame sein wird. Es ist offensichtlich dass Joseph seine Frau auch 27 Jahre nach ihrem Tod noch sehr liebt. Er wird still und holt tief Luft: "Der letzte Wunsch meiner Frau war es, zu Hause zu sterben, diesen habe ich ihr erfüllt. Margret starb in meinen Armen."

Nach fünf Jahren der Trauer möchte Joseph Schmitz nicht länger alleine leben. Er lernt eine neue Frau kennen und heiratet ein zweites Mal: Hilde. Gemeinsam kaufen sie ein Haus in Spanien am Meer, wo sie sechs Winter verbringen. Spanien erfüllt seine Erwartungen nicht ganz, Joseph Schmitz möchte 2006 in Kleinenbroich bleiben. Als der Aufstieg in die Wohnung 2011 zu beschwerlich wird, beschließt er vorsorglich ins Otto-Zillessen-Haus einzuziehen. Alleine. Sicherheit im Leben ist ihm wichtig.

"Das Leben ist meistens nicht so, wie du es dir wünschst. Das Leben ist eher wie ein Glückspiel. Hätte ich hier oder da nur eine Kleinigkeit anders gemacht, hätte alles ganz anders kommen können. Mein Leben besteht aus komischen Zufällen. Ob du einen guten Job erwischt hast, oder ob du die richtige Frau getroffen hast. Heutzutage mag das Leben vielleicht geplant sein. Damals war es das nicht."

Zumindest sein Leben nach dem Tod möchte Joseph Schmitz nicht dem Zufall überlassen. Eine leere Urnengrabplatte an der Elisabeth-Kirche soll irgendwann sein Ruheort werden. Aber wer weiß, was der Zufall bis dahin mit sich bringt.

(RP)