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Mönchengladbach: Das Große im Kleinen

Mönchengladbach : Das Große im Kleinen

Dieter Nuhrs Auftritte sind fürs Kabarett zu groß und für Comedy zu tiefschürfend. Längst hat er sich seine eigene Kunstform geschaffen. In der ist von Salafismus in Gladbach bis Mundhygiene für alles Platz, was der Mensch so tut und lässt. Nun trat Nuhr vor 3500 Zuschauern im Hockeypark auf.

Auf der mächtigen Bühne im Hockeypark hat Shakira die Hüften kreisen lassen und am Abend zuvor Bryan Adams gerockt, jeweils unter Aufbietung der branchenüblichen Licht- und Pyrotechnik. Jetzt stehen dort reichlich verloren ein Barhocker und ein Tischchen. 3500 Menschen sind gekommen, um Deutschlands faszinierendsten Humorarbeiter zu sehen. Ein Mann, ein Mikro, zwei Stunden Text, unauffällige Gestik und Mimik, die sich in der Tiefe des Raums eh verlieren - und am Ende trotz lausiger Temperaturen begeisterte Zuschauer. Wie geht das?

Der Erfolg Nuhrs, der inzwischen die größten Hallen im Lande bespielt, ist ein Phänomen, weil seine Programme - im besten Sinne - eine Zumutung sind. Den Comedy-Fans mutet er seine hintersinnigen Gedanken zu, die sich in den Gehirnwindungen wie Widerhaken verfangen. So begrüßt er die Zuschauer in der "gläubigen Stadt Mönchengladbach, der Hauptstadt der Salafisten", fragt, ob Islamisten im Publikum sind, und stellt klar, dass man sich selbstverständlich über den Tod Bin Ladens freuen müsse - und zwar für den Terroristen selbst. Der habe schließlich immer als Märtyrer sterben wollen, oder nicht?.

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Nuhr schaut gern auf die großen Zusammenhänge - von German Angst über Euro-Krise bis Sozialstaat - noch lieber aber entdeckt er das Kleine im Großen und das Große im Kleinen. Was bekommen eigentlich Selbstmordattentäterinnen als Lohn? Doch nicht etwa 72 Jungfrauen?

Dieter Nuhr sieht nicht wie die Alt-68er im Privaten das Politische, spinnt aber ganz wunderbare Beziehungsfäden zwischen den letzten Dingen und dem Alltag. Warum ist heute jeder Vollpfosten sicher, dass sein Kind hochbegabt ist? "Haben Sie schon mal jemanden sagen hören: Der ist nicht faul, der ist blöd?", fragt er. Treffer! Wenn es um Opel-Krise, Bundesregierung und den Wahn der Chancengleichheit geht, ist er kabarettistischer als die meisten deutschen Kabarettisten. Doch auch den Puristen dieses Genres mutet er eine Menge zu. Wenn er über beleuchtete Krawatten-Rondels spricht, über die Philosophie unserer Autobahntoiletten, über den Uhu, der der Luchs unter den Adlern ist, dann kann er wunderbar albern sein.

Dann stellt er sich die Kanzlerin oben ohne vor, den Papst in der Tankstelle, ist der Kopf bei vielen Mitmenschen nur ein Korken für den Hals, den man besser durch eine Mütze ersetzen würde, und sind die Zuschauer nur Zellhaufen mit Eintrittskarten. Im Gegensatz zu ihm selbst. "Ich hab nicht mal eine Eintrittskarte. Ich bin so rein gekommen." Und er gibt pragmatische Hinweise: "Wenn Sie aus dem Hals stinken wie ein alter Maulwurf, probieren Sie es mal mit Zahnseide."

So lässt man sich von Dieter Nuhr, diesem verführerischen Geschichtenerzähler, bereitwillig von hier nach dort und wieder zurück treiben, denkt über vielerlei gern und noch mal anders nach und verlebt einen anregenden und befreiend lustigen Abend. "Da machste nix dran", sagt er manchmal zu den Absurditäten des Lebens. Dann erinnert er ganz besonders an den Letzten, der so gekonnt im scheinbar Banalen Großes entdeckte: Hanns Dieter Hüsch. Der Gottvater der deutschen Humoristen, der auch die Genregrenzen sprengte, hat einen höchst lebendigen Stellvertreter.

(RP)