Eickelnberg: Das geteilte Dorf

Eickelnberg: Das geteilte Dorf

Schienen führen mitten durch das winzige Örtchen Eickelnberg bei Genhausen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das den Bewohnern fast zum Verhängnis: Etwa 50 Bomben prasselten auf das Gebiet nieder mit dem Ziel, die Gleise zu zerstören. Noch heute sind Schäden an der Decke der einzigen Unterführung zu sehen.

Es sind nur knapp 300 Meter. Else Jennißen geht aus dem Haus raus, nach rechts, durch die Unterführung, dann hält sie sich rechts. Schon ist sie im Kreis Heinsberg. "Beeck ist mit dem Rad nur ein paar Minuten entfernt", sagt sie. Zum Einkaufen fährt die Eickelnbergerin gerne ins benachbarte Wegberg. "Ich hab' schon eine Menge Geld über die Grenze getragen", sagt sie und lacht.

Jakob Jennißen wuchs im Dorf auf, seine Frau Else folgte ihm vor 41 Jahren. Ihr Haus steht zwishen den ehemaligen Häusern der Eltern und der Tante. Foto: Isabella Raupold

Trotz der Nähe zu Heinsberg fühle sie sich aber ganz und gar als Gladbacherin, betont Else Jennißen. Auch ihr Mann Jakob und Nachbar Erich Görtz sind Vitusstädter durch und durch. "Natürlich!" , antwortet Görtz auf die Frage, ob er sich mit Mönchengladbach identifiziere. Seine Familie und Familie Jennißen wohnen zwar den Hausnummern nach so gut wie nebeneinander — die einen in 4 a, die anderen in 5 a. Und doch liegen zwischen beiden Häusern ungefähr so viele Meter, wie zwischen Eickelnberg und der Grenze nach Heinsberg.

Auf jeder Seite die Hälfte

Acht Häuser stehen in dem kleinen Dorf, das zweigeteilt ist: Mitten hindurch führt eine Bahnstrecke in Richtung Dalheim, umgeben von Rübenfeldern und Kuhweiden. Durch eine Unterführung sind die beiden links und rechts der Gleise liegenden Teile Eickelnbergs miteinander verbunden. "Auf jeder Seite stehen vier Häuser, wir sind der kleinste Ort im Pfarrbezirk Broich-Peel", erzählt Jakob Jennißen. "1939 stand auf unserer Seite nur mein Elternhaus, mein Opa hatte es um 1910 gekauft. Kurz nach Kriegsbeginn kam ein Wochenendhaus dazu, sonst waren hier nur Feldwege", ergänzt der 74-Jährige.

Damals hätten viele Leute seinen Vater um die ruhige Lage seines Häuschens beneidet, hat der seinem Sohn später erzählt. "Mein Vater meinte dann immer: Von wegen ruhig!". Die Bahnstrecke, die damals noch in die Niederlande und nach Belgien geführt habe, sei für die Anwohner ein großer Nachteil gewesen. 1942 fielen vor unserem Haus vier Bomben, dahinter drei", sagt Jennißen. Insgesamt seien während des Zweiten Weltkrieges in Eickelnberg bestimmt 50 Bomben gefallen mit dem Ziel, die Gleise zu treffen.

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1943 brannte nach einem Luftangriff sein Elternhaus aus, und es musste repariert werden. Ein Jahr später stürzte 20 Meter daneben auf dem Feld ein Flugzeug ab. "Ein viermotoriger englischer Bomber", erzählt Jakob Jennißen. Sechs Soldaten seien darin verbrannt, "noch heute kommen Neugierige und suchen an der Absturzstelle nach Trümmerteilen".

"Zu der Zeit haben auf der anderen Seite von Eickelnberg vielleicht drei Häuser gestanden", meint der 74-Jährige. Auch auf "seiner" Seite tat sich etwas: 1948 baute seine Tante Helene ein Stück von seinem Elternhaus entfernt. "Als da der Keller ausgehoben wurde, haben die Arbeiter eine große Urne aus Ton gefunden", sagt Jakob Jennißen. "Ich kam aus der Schule, und was hab' ich ohne nachzudenken gemacht? Mir einen Stock genommen und die Urne mit einem Schlag kaputt gehauen." Er wisse noch, dass darin Haare gewesen seien —an mehr kann er sich nicht erinnern.

1968 schloss Jennißen mit seinem neuen Eigenheim die Lücke zwischen den Bauten der Eltern und der Tante. Sein ehemaliges Elternhaus, das 1988 nach einem Gasunfall zum zweiten Mal ausbrannte und wieder errichtet wurde, hat er vermietet. Im Haus der Tante wohnt jetzt deren Enkel. Schräg gegenüber hat sich die Märchenerzählerin Sonja Wolf niedergelassen, in ihr orientalisch eingerichtetes Domizil lädt sie regelmäßig Kinder zu Märchenstunden und anderen Aktionen ein.

Umgefahrene Telefonmasten

Um zu den Häusern in Eickelnberg zu gelangen, müssen Besucher und Anwohner schmale Weg nutzen. "Die sind erst seit 1952/53 asphaltiert", sagt Jakob Jennißen. Zufrieden sind er und seine Frau mit den Wegen nicht: Der Randstreifen sei marode, "mit dem Rad ist das sehr gefährlich", sagt Else Jennißen. "Wenn ein Auto einem entgegenkommenden ausweichen will, werden hier auch schon mal Strommasten umgefahren", sagt sie. "Allein im vergangenen Jahr waren das in zwei Monaten drei Stück."

(RP)
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