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Corona-Krise: Borussias Stadionsprecher Torsten Knippertz über Bedeutung sozialer Netzwerke für Künstler

Torsten Knippertz im Interview : „Soziale Netzwerke sind lebenswichtig für Künstler“

Borussias Stadionsprecher ist auch Schauspieler, Musiker und Moderator. Er spricht über die Folgen der Corona-Krise für seine Arbeit.

Herr Knippertz, zuletzt hat man Sie ganz allein mit Ihrer Gitarre bei einem Live-Konzert in einem digitalen Studio in den sozialen Netzwerken gesehen. Wie war es?

Knippertz Das war für mich etwas Neues. Wobei: Den Gedanken, so etwas zu machen, hatte ich schon lange. Als die Anfrage kam, habe ich zunächst gezögert, weil ich nicht wusste, ob ich mir das zutraue. Dann habe ich gedacht: Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt und habe es einfach gemacht. Anfangs war ich richtig nervös.

Tatsächlich? Sie stehen als Borussias Stadionsprecher im Stadion vor 54.000 Menschen, moderieren zum Beispiel in vollen Theatersälen und haben mit Viggo Mortensen in dem Film „Dunkle Begierde“ vor der Kamera gestanden. Und dann ist man nervös?

Knippertz Ja. Es lag wohl daran, dass ich noch nie ganz allein mit einer Gitarre und einem Mikro auf der Bühne stand. Und es gab kein direktes Feedback. Man steht da in dem Studio, hat die Kameras vor sich und weiß, dass es jemand guckt, weil man auf dem Bildschirm sieht, wie die Zugriffszahlen sind. Aber das direkte Feedback, das es im Theater oder im Stadion gibt, gibt es da nicht. Man ist live, aber allein. Das macht schon mal nervös. Denn man kann nicht einschätzen, wie die Show ankommt.

Ist das der Unterschied zwischen der digitalen Bühne und der realen Bühne?

Knippertz Bei dem Konzert war es eine Sondersituation. Es ist ja eine reale Bühne, nur ohne direktes Publikum und ohne direktes Feedback oder Interaktion. Wenn ich die sozialen Netzwerke sonst nutzte, zum Beispiel über Facebook live oder Instagram live, bekomme ich sofort Feedback und bin mit den Leuten im Dialog, weil zurückgeschrieben wird. Das war jetzt auf der Bühne schwieriger, eine direkte Interaktion war nicht möglich. Hinzu kommt, dass im Studio zu Corona-Zeiten so wenig Leute wie möglich sind und die sitzen auch noch eher im Dunkeln. So kann man auch da noch nicht wahrnehmen, ob einer die Stirn runzelt oder lächelt. Normalerweise reicht das als kleines Feedback. Man weiß, ob man gerade Mist gebaut oder etwas Gutes gemacht hat.

Corona macht real existierende Konzerte unmöglich, das Virus legt den gesamten Kulturbereich lahm. Und bremst Sie somit als Schauspieler, Moderater, Stadionsprecher, Musiker und Künstler aus. Sind die digitalen Kanäle der letzte Ausweg?

Knippertz Ja, das würde ich schon sagen. Und viele Kollegen nutzen das. Es ist Fluch und Segen zugleich. Ein Segen, weil man trotzdem das, was so in einem brodelt, rauslassen kann. Man hat ja ein gewisses Sendungsbewusstsein. Dank der digitalen Kanäle gibt es die Möglichkeit, das auszuleben. Man hofft natürlich ein bisschen auf den Beifall und die Reaktion. Jeder, der auf einer öffentlichen Bühne ist, jeder der sich öffentlich präsentiert, ist ja mit einer gesunden Portion Narzissmus ausgestattet. Das Problem ist: Die meisten Sachen werden ja trotzdem nicht bezahlt. Die Aktionen können sich vielleicht später mal finanziell bemerkbar machen, wenn jetzt mehr Leute davon mitbekommen, was man so macht und das im günstigsten Fall auch gut befinden. Aber da ist der schmale Grat, dass man zu viel macht.

Inwiefern?

Knippertz Es kann ja auch sein, dass man die Leute nervt. Wobei ich immer auf dem Standpunkt stehe: Man muss ja nicht hinschauen oder sich reinklicken und wenn, dann hat man jederzeit die Möglichkeit abzuschalten. Aber trotzdem merke ich bei mir manchmal selber: Vielleicht überdrehst du jetzt gerade.

Sie machen in allen Bereichen, sowohl Schauspiel, Musik und als Fußball-Moderator digitale Formate?

Knippertz Ja. Die meisten lagen aber schon länger in der Schublade. Jetzt ist die Chance da, sie endlich mal herauszuholen. Ich ticke halt so: Wenn irgendwie Mist passiert, sehe ich das nicht als Rückschlag, sondern als Chance. Und es macht auch echt Spaß, so doof die Situation jetzt gerade auch ist.

Bei „Ein Mann zieht Rot“, einen Fußballquizformat, müssen die Leute Fragen zu Borussia Mönchengladbach beantworten. Wer zwei Fragen falsch beantwortet, sieht die Rote Karte. Das ist wahrscheinlich etwas, das schon länger in der Schublade lag?

Knippertz Das haben wir sogar schon bei ntv-Online gespielt während der letzten EM. Allerdings haben wir es da aufgezeichnet. Geplant war es von mir eigentlich immer als Liveformat – wie es jetzt ist.

Kann eine Krise, wie die jetzige, Ursprung sein, neue Anregungen zu bekommen und Neues auszuprobieren?

Knippertz Ich glaube sogar, dass viele Menschen gute Sachen herausziehen können aus diesem Schlamassel und einige positive Sachen bleiben werden. Nicht nur, was die Social-Media-Kanäle angeht, sondern auch die ganze Digitalisierung. Viele Unternehmen sind gerade dabei zu sehen, wie sie sich darauf einstellen können, digital zu arbeiten. Im Homeoffice, mit Videochats und so weiter. Das sind alles Sachen, gegen die sich viele Unternehmen lange gewehrt haben - und nun merken sie, dass sie total hilfreich sein können.

Wie wichtig ist Social Media, um einfach in Kontakt zu treten. Das ist ja ein riesen Unterschied zur „normalen“ Bühne. Es brüllt ja normalerweise keiner rein.

Knippertz Wobei ich es ganz schön finde, wenn jemand reinbrüllt, weil man darauf reagieren kann. Ich plane ungern, bin wenig strukturiert und mag es, wenn man improvisieren muss. Wenn unvorhergesehene Sachen passieren, fühle ich mich eigentlich am wohlsten. Und ich mag es nicht, wenn auf der Bühne etwas passiert und unten nur konsumiert wird. Das beziehe ich auf alle Bereiche, auf Musik, auf Talkshows, Comedy-Programme und sogar den Borussia Park. Ich finde es nicht gut, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Großteil des Publikums nur konsumiert und sich nicht als Teil dieses ganzen Events sieht. Gerade jetzt merken wir doch, wie sehr es ein Fest ist, mit ganz vielen Menschen ein Fußballspiel, ein Theaterstück oder ein Konzert genießen zu können. Das fehlt mir mega.

Eine Weile wird es noch dauern. Und wenn Fußballspiele stattfinden, dann werden es Spiele ohne Zuschauer sein.

Knippertz Da wird total was fehlen. Das gemeinsame Erleben von etwas sehr Emotionalem. Aber vielleicht lernt man in dieser Zeit die Freiheit, die wir sonst haben, auch ein bisschen schätzen. Wenn man sich diese Zeit in drei, vier oder fünf Jahren noch einmal in Erinnerung ruft und denkt: Es ist eigentlich ganz toll, dass wir uns so frei bewegen können und zum Beispiel Fußballspiele, Theateraufführungen, Konzerte oder Comedy-Auftritte gemeinsam erleben können. Ganz vielen Menschen fehlt ja auch ein gemeinsamer Gottesdienst. Egal, welche in welcher Glaubensrichtung.

Wie gemeinschaftlich ist das Erlebnis in den Social-Media-Kanälen?

Knippertz Lustigerweise fühlt man sich den Leuten da auch total nah, obwohl man vielleicht hunderte von Kilometern entfernt ist. Ich mache gerade viel bei Instagram live, da holt dann jemanden einfach rein und quatscht mit dieser Person. Das ist fast so, als ob man ihm gegenübersitzt. Ein anderes Beispiel: Mit vier Kumpels haben wir uns während der Coronazeit, bereits dreimal getroffen, um digital ein Bierchen zusammen zu trinken.

Da sitzt dann jeder in seiner Küche, macht sich eine Flasche Bier auf und dann trifft man sich im Chat?

Knippertz Genau. Ich war auch anfangs skeptisch, aber ich muss sagen, wir haben wirklich sehr lange zusammengesessen und fast hätte man vergessen können, dass man nicht wirklich zusammen ist.

Das heißt, dass digitale Format kann theoretisch jegliche Art von sozialem Kontakt ersetzen?

Knippertz Nein, nein! Sich wirklich zu treffen ist tausendmal besser, aber es ist ein schöner Ersatz und es ist gut, dass es den gibt. Man darf ja auch nicht vergessen, dass die Kontaktsperre viele Menschen sonst sehr einsam machen würde.

Der Wert der sozialen Kanäle, der ja zu recht oft kritisch gesehen wird, erlangt noch einmal eine andere Dimension?

Knippertz Ja, ich finde schon. Man hat auf der digitalen Bühne viele Möglichkeiten. Und die nutzen viele Künstler und auch ich. Um uns zu zeigen, aber auch um zu konsumieren und sich Anregungen zu holen. Allgemein sieht man jetzt die guten Seiten der sozialen Netzwerke besser oder noch mehr. Bei Facebook habe ich zum Beispiel zuletzt relativ wenige Fakenews gesehen. Vor allem sind die sozialen Netzwerke eine Plattform, auf der man viel entdecken kann. Es gibt Künstler, die zum Bespiel jeden Abend einen Song einstellen, die man bisher nicht gesehen hatte. Das ist so ein bisschen wie bei Musikstreaming oder Spotify. Ich habe nie so viel Musik gehört, seitdem es Streaming-Dienste gibt. Zugegebenermaßen auch viel schlechte...(lacht)

Was ist im Moment Ihr Lieblings-Kanal? Ist das Instagram und hat das Facebook mittlerweile komplett abgelöst?

Knippertz Nein, abgelöst nicht, es ist aber im Moment mein Lieblings-Kanal. Aber ich schaue ab und zu auch bei meiner Tochter zu, wenn sie etwas bei Tik Tok macht. Das bietet wieder ganz neue Möglichkeiten, Videos zu schneiden und anders kreativ damit umzugehen. Wenn man denkt, es ist doch schon immer alles dagewesen, gibt es doch immer wieder neue Sachen. Da bleibe ich auch gerne neugierig.

Kann es sein, dass durch die Krise, die weniger Socialmedia-affine Generation jetzt doch mehr herangeführt werden, weil es eben doch ein anderes Fenster in die Welt ist?

Knippertz Ich glaube schon, dass viele, die sich bisher dagegen gewehrt haben, viele Ältere, die gesagt haben, solch einen Quatsch brauche ich nicht, jetzt sagen: Ok, ich brauche und nutze die Kanäle auch gerne. Die, die neugierig sind, haben das ja eh schon kennengelernt, aber jetzt merken vielleicht auch viele, die bisher nur ablehnend waren, dass Neues nicht immer schlecht sein muss.

Und für die Künstler ist es ja die einzige Möglichkeit präsent zu bleiben. Eine lebenswichtige Plattform, kann man das so sagen?

Knippertz Das würde ich sagen, ja, aber nicht nur um präsent zu. Es geht tatsächlich auch um den Applaus und das Areal im Hirn, das gefüttert werden muss mit Feedback, im günstigstem Fall mit positivem Feedback. Und ja, wenn Applaus das Brot des Künstlers ist, dann sind soziale Netzwerke gerade lebenswichtig für Künstler.