Mönchengladbach: Concorde-Absturz: 10 Jahre danach

Mönchengladbach: Concorde-Absturz: 10 Jahre danach

Die Nachricht verbreitete sich damals in Windeseile in der Stadt: Bei Paris ist eine Concorde als riesiger Feuerball abgestürzt, und unter den 113 Toten sind 13 Mönchengladbacher. Zehn Jahre nach der Katastrophe kehrten einige Angehörige zum Unglücksort zurück.

Die Bilder am Absturzort, kurz nach der Katastrophe, haben viele noch vor Augen: Trümmer, verbrannte Erde, Rauchschwaden und ein zermalmtes Hotel. Heute, zehn Jahre später, wachsen dort blau blühende Schmetterlingsbäume. "Die Natur hat den Ort zurückerobert. Das hat etwas Tröstliches", findet Norbert Tellmann. Der Rheydter Geschäftsmann und seine vier Geschwister verloren beim Absturz der Concorde vor zehn Jahren ihre Eltern. Wie elf weitere Mönchengladbacher hatten Margarete und Werner Tellmann eine Kreuzfahrt geplant. Das Überschallflugzeug sollte sie am 25. Juli 2000 zunächst von Paris nach New York bringen.

Um 16.42 Uhr erteilte der Tower Starterlaubnis. Kurz nach dem Abheben zog die Maschine bereits einen riesigen Feuerschweif hinter sich her. Nach zwei Minuten war alles vorbei. 100 Fluggäste, neun Besatzungsmitglieder und vier Menschen in einem Hotel, auf das die Concorde stürzte, starben.

Norbert Tellmann erfuhr von dem Unglück gegen 17.30 Uhr. Eine Tante rief im Geschäft an: "Norbert, da ist etwas Schreckliches passiert. Bei Paris ist eine Concorde abgestürzt, und ich glaube, deine Eltern saßen da drin." Der heute 56-Jährige war geschockt. Er versuchte sofort, seine vier Geschwister zu erreichen. Dass seine Eltern eine Kreuzfahrt gebucht hatten, wusste er, schließlich war die ganze Familie am Vorabend noch zusammengekommen, um "Auf Wiedersehen" zu sagen. "Dass meine Eltern mit der Concorde fliegen würden, wusste ich damals nicht. Davon hatten sie nichts erzählt, vielleicht weil der teure Flug als elitär galt", erzählt der Geschäftsmann.

In den folgenden Stunden schwebte die Familie zwischen Hoffen und Bangen. "Mal hieß es, es seien zwei Concordes an diesem Tag gestartet, dann wiederum wurde von Überlebenden gesprochen." Am Ende stand doch die tragische Gewissheit: Die Eltern saßen in der Unglücksmaschine, und sie sind tot – genauso wie die Mitreisenden aus Mönchengladbach, alle stammten aus bekannten Familien.

  • Flugzeugabsturz in Russland : Unglücksmaschine soll vor Start noch überprüft worden sein

Der Absturz des Überschallfliegers, der Mythos der zur Feuerfalle wurde, löste ein unglaubliches Medieninteresse aus. Als die Polizei und ein Notfallseelsorger zur Familie Tellmann kamen, um die tragische Nachricht zu überbringen, standen schon die ersten Fernsehteams vor der Tür. "Im Grunde genommen wurde ganz Rheydt befragt", sagt Norbert Tellmann. Neben dem Schock und der Trauer hatten die fünf Geschwister nach dem Tod der Eltern viel zu regeln. Es dauerte bis zum 21. August, bis die Leichname identifiziert, überführt und beerdigt werden konnten. Die große Familie und der Glaube gaben Halt. Die ganze Stadt trauerte mit den Concorde-Opfern. Es wurden gleich mehrere Gedenkgottesdienste organisiert. Tausende trugen sich in Kondolenzlisten ein, und legten Blumen vor den Türen der betroffenen Angehörigen ab. Norbert Tellmann hadert nicht mit dem Schicksal, und er stellt auch keine Fragen nach Schuldigen. Der Prozess, in dem sich gerade der Chef des Concorde-Programms und zwei Mitarbeiter einer Reifenfirma wegen einer möglichen Mitschuld an dem Todesflug verantworten müssen, interessiert den Geschäftsmann nicht. "Das ist etwas anderes als das Unglück in Duisburg", sagt er.

Dass er und zwei seiner drei Kinder zum zehnten Jahrestag zurück zum Unglücksort fuhren, geht auf die Initiative seiner Töchter zurück. Am Sonntag flogen sie mit etwa 100 weiteren Angehörigen nach Paris. Am Ort des Absturzes steckten die Trauernden Rosen in die Schmetterlingsbäume, und an der Gedenkstätte, zu der nur Angehörige Zutritt über einen Zahlencode haben, wurden Sträuße an den Tafeln mit den Namen der Opfer niedergelegt.

Trotz allen Leids fand Familie Tellmann immer wieder Tröstliches. Zum Beispiel einen Brief der Mutter, in dem sie sinngemäß schrieb: "Wenn Gott uns irgendwann zu sich holen will, dann hoffentlich uns beide zusammen." Norbert Tellmann: "Ich stelle mir vor, wie sie sich beide in der Concorde an den Händen hielten."

(RP)
Mehr von RP ONLINE