Mönchengladbach: City Ost kann eine Zukunftsstadt werden

Mönchengladbach : City Ost kann eine Zukunftsstadt werden

Bei den 24. Mönchengladbacher Wirtschaftsgesprächen warnte Innovationsberater Prof. Bernd Thomsen vor dem Schicksal von Firmen, die an "Hawisoma" zugrundegingen. Und er riet der Stadt zu deutlich mehr Selbstbewusstsein.

Immer wieder blitzt der Schriftzug "City Ost" im Hintergrund auf, während Professor Bernd Thomsen über Digitalisierung, die erste "Sharing City" in München und andere Zukunftstrends spricht. City Ost - das kann Gladbachs Zukunftsquartier werden, so lässt sich das interpretieren. Kann sie der Ort für eine Sharing City, einen aufs Teilen ausgerichteten Stadtteil, sein, will Moderator und RP-Redaktionsleiter Ralf Jüngermann von dem renommierten Zukunftsforscher und Strategieberater wissen. "Die Sharing City, die zurzeit in Schwabing entsteht, ist nicht kopierbar", meint Thomsen dazu. Für die City Ost müsse ein anderer Ansatz her. Und: "Schielen Sie nicht auf Düsseldorf, profilieren Sie sich selber", rät der Experte den versammelten wirtschaftlichen und politischen Entscheidern bei den Mönchengladbacher Wirtschaftsgesprächen. Die Stadt habe genug zu bieten.

Lauschten Thomsens (Mitte) Ausführungen gespannt (v.l.): Hartmut Wnuck (Stadtsparkasse), Ulrich Schückhaus (WFMG), Heinz Schmidt (IHK), Hans Wilhelm Reiners (OB), David Bongartz (WFMG) und Jürgen Steinmetz (IHK). Foto: Knappe Jörg

Bernd Thomsen, Gründer einer international tätigen Strategieberatung und zugleich der Mann, der das Ende der CD und den Siegeszug von Kaffeekapseln und teurem Coffee-to-go vorausgesagt hat, wirft keinen Blick in die Glaskugel, wenn er Zukunftstrends beschreibt. Er greift auf ausgesprochen erfolgreiche Marktforschung zurück. Und identifiziert so Entwicklungen, die er in konsequenter Vermeidung deutschsprachiger Ausdrücke als "Future assets" bezeichnet.

Zum Beispiel die Digitalisierung. Als warnende Beispiele für Unternehmen, die die Zukunft verschlafen, hält er Kodak, einst Technologieführer bei Kameras und Fototechnik und heute insolvent, und Nokia, noch vor zehn Jahren Weltmarktführer bei Handys, bereit. "Die Digitalisierung ist ein Paradigmenwechsel, wie er nur alle hundert Jahre passiert", stellt er fest. Die Digitalisierung werde auf Dauer alle Bereiche umkrempeln, auch die, die heute noch nicht so sehr betroffen sind - wie das Gesundheitswesen. Neue Angebote werden entstehen, andere verschwinden. Doch nicht die Digitalisierung als solche bedroht Geschäftsmodelle, sondern etwas, das er als "Hawisoma" bezeichnet - die Haltung "Das haben wir schon immer so gemacht".

"Nicht Hightech, Hawisoma fegt Ihre Firma weg", warnt Thomsen. In zehn Jahren werde es 40 Prozent aller börsennotierten Unternehmen nicht mehr geben. Weil sie nicht flexibel genug waren. Da sich aber so viel ändern wird und letztlich nicht mehr genug Arbeitsplätze da sein werden, prognostiziert Thomsen auch das bedingungslose Grundeinkommen. Nicht heute oder morgen, aber in absehbarer Zukunft.

Doch die Digitalisierung ist nur eines der Future Assets, die Thomsen ausmacht. Weil Menschen weiterhin Menschen begegnen wollen, werden sich gerade in der Arbeitswelt digital-analoge Mischformen etablieren, prophezeit der Experte: "Es wird sich immer nur das durchsetzen, was die Menschen wirklich wollen." Als weiteren Mega-Trend der Zukunft nennt er die so genannte Sharing-Ökonomie, das Teilen, wie es heute bei Musik, Filmen oder Autos schon üblich ist. "Die Menschen wollen nicht mehr besitzen, sie wollen nur benutzen", sagt der Mann, der bereits 1995 die Entwicklung hin zum Streaming und damit den Abstieg der CD vorhersah. In Schwabing entsteht deshalb die erste Sharing-Stadt der Welt. 2018 soll sie bezugsfertig sein. "Wir haben als Erstes die Gruppe identifiziert, die angezogen werden soll: Talente, die die Wirtschaft braucht", sagt Thomsen. Die zudem weltoffen sind, mobil und tolerant. Weil die Zielgruppe auch kunstaffin ist, wird es auch Ateliers geben, die über die Mieten mitfinanziert werden. Ein Car-Sharing-Angebot gibt es selbstverständlich auch. Und Platz für Begegnung und Kommunikation. Das hört sich tatsächlich nicht so an, als könnte man das eins zu eins auf die City Ost übertragen. Aber der Gedanke eines Zukunftsquartiers ist bestechend.

(RP)
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