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Bundestagswahl 2021 in Mönchengladbach: Das ist Gülistan Yüksel (SPD)

Bundestagswahl 2021 in Mönchengladbach : Eine Kümmerin – nicht nur mit Gesten

Gülistan Yüksel hat es schon zweimal für die Mönchengladbacher SPD über die Landesliste in den Bundestag geschafft. Auch diesmal sieht es gut für sie aus. Sie gehört nicht zu den Lautsprechern, und baut Brücken – obwohl sie auch schon einmal Ziel von Hass war.

Wenn Gülistan Yüksel in diesen Tagen jemandem begegnet, spult sie fast immer ein wiederkehrendes Ritual ab. Sie greift in ihre Tasche, fischt ein kleines, blaues Herz aus Glas an einem goldfarbenen Anhänger heraus und legt es dem Gegenüber in die Hand. „Mit Herz und Hand“, sagt sie dann. Das ist ihr Slogan im Wahlkampf. Eine Symbolik der Freundlichkeit, wenngleich auch ohne politischen Inhalt aufgeladen. Der Vorsitzenden der Mönchengladbacher SPD geht es um die Geste. „Mir ist wichtig, dass immer alles menschlich gut funktioniert“, sagt sie. „Man sollte nie im Streit auseinander gehen, weil man nie weiß, ob man sich am nächsten Tag noch sehen oder entschuldigen kann.“

Seit acht Jahren ist Yüksel Mitglied des Bundestags. Sie ist keine Lautsprecherin, weshalb man von ihr mitunter nicht nur in der eigenen Partei mehr Offensive erwartet. Der Typ dafür ist sie nicht. Als Politikerin ist Yüksel der Typ Kümmerin, Vermittlerin, Menschenfischerin. Yüksel agiert im Hintergrund, gilt als gewissenhaft und verlässlich, kann Konflikte lösen, sie baut Brücken. Und doch war sie einmal Zielscheibe von Hass, als das Parlament 2016 eine Resolution zum Völkrmord an den Armeniern beschloss. „Die Zeit der Armenien-Resolution war ein Alptraum, den ich vergessen möchte“, sagt sie darüber. „Ich habe so viele Anfeindungen erlebt, es war nicht schön, unter Polizeischutz  zu stehen.“

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In die Politik kam sie als Unbekannte, sie kandidierte 1995 für den damaligen Ausländerbeirat ohne Liste und ohne Parteizugehörigkeit und holte so viele Stimmen, dass es für drei Plätze gereicht hätte. Sie wurde kurz darauf Vorsitzende des Gremiums. „Eine Reihe Parteien sind auf mich aufmerksam geworden. Ich habe mich 1997 für die SPD entschieden, aber nicht, um irgendwann hauptberuflich Politik zu machen, sondern um etwas zu verändern.“

Dabei hat sie eine sozialdemokratische Bilderbuch-Vita. Sie kam als Achtjährige nach Deutschland, ihr Vater war längst als Gastarbeiter im Land. Als der Vater 1980 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, war sie als 18-Jährige die Älteste von acht Kindern und musste mit dafür sorgen, dass die Familie über die Runden kam. Ihren Berufstraum Apothekerin gab sie damals auf, stattdessen machte sie eine Ausbildung zur Apothekenhelferin. „Ich kenne meine Jugend gar nicht, ich musste mich nach dem plötzlichen Tod meines Vaters darum kümmern, dass die Familie zusammenhält.“ Eine Kümmerin aus einer Arbeiterfamilie, die es nach oben schafft. An die Spitze der Gladbacher Sozialdemokraten und sogar in den Bundestag.

Gegen zwei andere Bewerber, unter anderem den heutigen Oberbürgermeister Felix Heinrichs, setzte sich Yüksel 2013 bei der Bewerbung um die Kandidatur zum Bundestag durch. Die Landespartei setzte sie 2013 und auch 2017 jeweils auf Platz zwölf der Liste. Beide Male schaffte sie den Sprung knapp, an das Direktmandat war kaum aber zu denken. Diesmal allerdings reichte es nur zu Platz 22 auf der Liste. Damit wäre sie vor vier Jahren nicht ins Parlament eingezogen. „Platz 22 auf der Landesliste hat mich schon geärgert. Ich kämpfe um jede Stimme, wir haben es schon einmal 1998 geschafft, das Direktmandat zu gewinnen.“ Glaubt man dem derzeitigen Höhenflug ihrer Partei in den Umfragen, dann sieht es gut aus, dass es auch diesmal wieder reicht nach Berlin.

  Ihre Arbeitsschwerpunkte im Parlament waren in der ablaufenden Legislaturperiode solche, die nicht im Brennpunkt einer großen Öffentlichkeit stehen. Sie ist Mitglied in den Ausschüssen für Familie und Tourismus und stellvertretende Sprecherin der Arbeitsgruppe Integration und Migration. „Ich war unter anderem für den Bereich Frauen zuständig. Insbesondere zu Themen Gewalt gegen Frauen und zum Paragraf 219, wo noch viel Handlungsbedarf besteht.“ Mehr Unterstützung für Frauenhäuser hätte sie sich gewünscht: „Corona hat gezeigt, dass Frauen den Schutz bekommen. Denn es ist hinter den verschlossenen Wohnungstüren viel passiert, was wir gar nicht mitbekommen. Auch in Mönchengladbach gibt es zu wenige Plätze.“ Diese Arbeit will sie in einer neuen Regierung fortsetzen, aber nicht in einer Großen Koalition. Womöglich könnte es für eine Ampel-Koalition oder ein rot-rot-grünes Bündnis reichen. Allzu fern läge ihr das nicht, in der SPD gehört Yüksel zum linken Flügel.