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Mönchengladbach: Bücherei-Neubau? Gern, aber wie?

Mönchengladbach : Bücherei-Neubau? Gern, aber wie?

Interview Kulturdezernent Dr. Gert Fischer spricht über einen Bibliotheksneubau, und warum er ihn sich zwar wünscht, ihn aber für ein "Schloss im Mond" hält. Außerdem beschwört er die Bedeutung des Theaters und blickt in die Zukunft der Schullandschaft in der Stadt.

Das Ampel-Bündnis stimmte jetzt geschlossen für den Neubau einer Zentralbibliothek. Wie sehr freut Sie das, wo es doch oft der kulturelle Bereich ist, der zuallererst bei Sparmaßnahmen genannt wird?

Fischer An diesem Tag ist im Rat von einer breiten Mehrheit – auch jenseits der Ampel – viel Positives über die Bibliothek gesagt worden. Das ist natürlich ein gutes Zeichen. Es steht dafür, dass man auch in schwierigen Zeiten an Dingen festhalten will, die für die Lebensqualität der Menschen wichtig sind. Allerdings kann ich wie viele andere noch nicht erkennen, wann ein Neubau umgesetzt werden soll und wie. Daher beschäftige ich mich lieber mit aktuellen Fragestellungen, nicht mit denen, die vielleicht in drei, vier oder fünf Jahren anstehen.

Die Bibliothek ist eine wichtige Einrichtung in der Stadt. Es ist schön, dass wir sie haben...

Fischer Entschuldigung, aber diese Formulierung "schön, dass wir sie haben" gefällt mir nicht. Die Bibliothek gehört wie alle Kulturinstitutionen, die diese Stadt noch hat, zur Grundausstattung einer modernen Großstadt. Ein lebenswertes Gemeinwesen funktioniert nicht nach dem Barbaren-Spruch: "Kann man das essen, trinken, verkaufen? Nein? Kaputt!" Wenn wir die Kultur auf "nice to have" reduzieren oder auf ihre Nützlichkeit und ihren Eigenwert nicht mehr erkennen – was wäre das für eine Gesellschaft?

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Die Bibliothek ist die meistfrequentierte Kultureinrichtung in Mönchengladbach. Sie bietet auch Veranstaltungen und Leseförderung an. Wie zufrieden sind Sie mit ihrer Arbeit?

Fischer Sehr zufrieden. Mich ärgert es, wenn ich manchmal Menschen über sie reden höre, als handele es sich um eine Institution aus längst vergangenen Zeiten, die nur staubige Bücher bietet und die Anpassung an die Kundenwünsche vernachlässigt. Das Gegenteil ist der Fall.

Sie klingen dennoch skeptisch, was einen Neubau betrifft...

Fischer Es sind drei Dinge, die mich skeptisch stimmen: die aktuelle Haushaltssituation der Stadt, die mittelfristige Finanzplanung und das Thema Stärkungspakt.

Weshalb gerade der Stärkungspakt?

Fischer Der sogenannte Stärkungspakt wird von uns verlangen, dass wir noch einmal konsolidieren – zum wievielten Mal eigentlich? Dem wird sich auch die Kultur nicht entziehen können. Aber es müssen alle Bereiche dazu etwas beitragen. Die Kultur steht für weniger als drei Prozent des Haushaltes. Wer ehrlich ist, weiß natürlich, dass der Schlüssel hier nicht liegen kann. Am Rande: Er liegt nach wie vor beim Land, das die Kommunen dauerhaft überfordert. Daran hat der sogenannte Stärkungspakt nicht viel geändert.

Heißt das im Extremfall, dass man vielleicht irgendwann eine neue Bibliothek hat, aber kein Geld mehr für Neuanschaffungen und Personal?

Fischer Das spitzen Sie jetzt polemisch zu. Aber in der Tat: Die dringendste Aufgabe in puncto Bibliothek und der anderen Kultureinrichtungen ist es, sie überhaupt aufrecht zu erhalten. Wir sind schon jetzt personell am Rande dessen, was wir leisten können. Der Medien-Etat reicht gerade so aus. Das soll keine Klage sein, es ist der Notlage der Stadt geschuldet. Deshalb ist der Neubau einer Bibliothek für mich auch wie ein Schloss, das im Monde liegt.

Kann die Bibliothek denn in den jetzigen Räumlichkeiten den Anforderungen an eine moderne Einrichtung genügen?

Fischer Das beweist sie jeden Tag. Damit ist nicht gesagt, dass man es nicht besser und schöner haben könnte.

Was fürchten Sie, bedeutet der Stärkungspakt für die Kultur insgesamt in dieser Stadt?

Fischer Ich fürchte zunächst einmal gar nichts, denn wer Angst hat, ist gelähmt. Aber der Stärkungspakt ist eine schwierige Angelegenheit – einmal abgesehen davon, ob wir überhaupt beitreten dürfen. Nicht nur in der Kultur, in jedem Bereich müssen wir aufpassen, dass wir Dinge nicht irreversibel zurückdrehen.

Die freie Kulturszene ist in der Stadt in den letzten Jahren stark gewachsen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Fischer Ich bin froh! Diese Szene ist sehr wichtig für die Vitalität der Stadt. Das Horst-Festival ist ein hervorragendes Beispiel – aber nur eines von vielen. Wir können diese Entwicklung nicht mit viel Geld fördern, aber wir können – wie etwa beim genannten Festival – als Geburtshelfer tätig werden. Unterstützung ist ja nicht immer eine Frage des Geldes. Wir versuchen Türen zu öffnen, bei den ersten Schritten zu helfen. Das passiert viel öfter, als öffentlich wird.

Wie gefährdet ist die Finanzierung des Theaters vom Stärkungspakt?

Fischer Das Theater hat Planungssicherheit bis 2015. Die Städte Krefeld und Mönchengladbach haben sich vertraglich gebunden. Aber spätestens 2013 müssen sie entscheiden, wie es nach 2015 weitergehen soll. Allerdings machen Theater und Orchester wegen der "Deckelung" der städtischen Zuweisungen bereits heute enorme Anstrengungen. Schon der Tarifabschluss, der jetzt zu kommen scheint, wird schwer zu stemmen sein. Wir haben unsere Hausaufgaben längst gemacht. Das Theater Krefeld/Mönchengladbach ist im Vergleich zu anderen Häusern dieser Kategorie das für die jeweilige Stadt preiswerteste, das es in Nordrhein-Westfalen gibt.

Dennoch belastet es den Haushalt ...

Fischer Was heißt hier "belastet"? Noch einmal: Wir reden bei der Kultur – alles zusammen inklusive Theater – über kaum drei Prozent des Haushaltes. Beim Theater jetzt wesentlich sparen zu wollen, bedeutet, es in die Nähe der Schließung zu rücken. Jeder, der das fordert, sollte nicht ausblenden, dass "das Theater" nicht nur ein Gebäude ist, sondern eine Institution, in der fast 500 Menschen arbeiten

Gibt es im Sportbereich noch ein Einsparpotenzial?

Fischer Über Maßnahmen in Zusammenhang mit dem Stärkungspakt will ich heute nicht reden – weder im Sport noch in anderen Feldern. Die sollten wir dem Rat direkt vorlegen – nicht auf dem Umweg über die Öffentlichkeit. Klar ist: In allen Bereichen werden die Abwägungsprozesse an Dramatik zunehmen. Der Stärkungspakt wird zweifellos eine Belastungsprobe für die Verwaltung und für die Politik werden.

Der Blick auf die Geburtenrate lässt vermuten, dass es in fünf Jahren ein paar weiterführende Schulen weniger geben wird.

Fischer Auch weniger Grundschulen. Wir werden vor den Sommerferien einen komplett überarbeiteten Schulentwicklungsplan vorlegen. Ich glaube aber nicht, dass wir in den nächsten fünf oder sechs Jahren zum Beispiel eine Gesamtschule oder ein Gymnasium aufgeben müssen. Eine große Frage ist, wie es mit den Hauptschulen weitergeht. Auch sind wir aufgrund der Inklusion am Anfang eines Auflösungsprozesses bei verschiedenen Förderschulen.

Wie konkret werden denn die Aussagen des Schulentwicklungsplans sein?

Fischer Wir werden klare Aussagen zu kleinen Grundschulstandorten treffen. An jenen, in denen Kindern aus der unmittelbaren Umgebung lernen, sollte man festhalten; allerdings nicht als selbstständige Schulen, sondern als Teilstandorte eines größeren Systems.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass bis 2016 ein Gymnasium wegfällt?

Fischer Gering. Wichtig ist, dass sie gleichmäßig ausgelastet sind. Es gibt Gymnasien in der Stadt, die übervoll sind, andere könnten durchaus mehr Schüler vertragen. Das muss sich zukünftig wandeln.

(RP)