Briefwahl in Mönchengladbach: Auszählung der Europawahl in Neuwerk

Briefwahl in Mönchengladbach : Demokratie am Boden

In der Krahnendonkhalle wurden am Sonntag die Stimmen der Briefwähler ausgezählt. Wegen der großen Stimmzettel mussten die Wahlhelfer die Stimmen teilweise auf dem Fußboden auszählen. Der Trend zur Briefwahl hält weiter an.

Die Liebe bekommt an diesem Abend nur eine einsame Stimme. Zumindest an diesem einen Tisch, und trotzdem braucht auch die Liebe ihren Platz. Fast einen Meter lang sind die Stimmzettel zur Europawahl, und während die Wahlhelfer in der Krahnendonkhalle die Stimmen der Briefwähler auszählen, füllt sich der Turnhallenboden an allen Ecken und Enden mit Stimmzettelstapeln. Die „Europäische Partei LIEBE“ ist eine von Dutzenden Kleinparteien – unter anderem verspricht sie 3000 Euro für Anzug und Brautkleid eines jeden Hochzeitspaars. Doch schon früh ist klar: Die Liebe wird an diesem Abend sicher nicht der Wahlsieger.

In der Turnhalle, in der sonst Entspannungsgymnastik und Bogenschießen trainiert wird, herrscht ein konzentriertes Gewusel. Insgesamt 36 Gruppen sitzen und stehen an Tischen und arbeiten daran, je einen Briefwahlbezirk auszuzählen. Es ist quasi das größte Wahllokal der Stadt, nur dass die Bürger ihre Stimme oft schon vor Tagen abgegeben haben. Der Trend zur Briefwahl ist ungebrochen: 18 Prozent mehr Briefwähler gibt es im Vergleich zur letzten Europawahl, fast 23.200 sind es. Hardy Drews, der Fachbereichsleiter Bürgerservice, hat am Nachmittag noch eine Kiste mit Briefwahl-Briefen aus dem Postkasten des Vituscenters geholt und in die Halle gebracht.

„Wer nimmt die CDU?“, fragt eine Frau auf dem Boden kniend schon um kurz vor sieben. Ihr Team von fünf Leuten, allesamt städtische Mitarbeiter, ist eingespielt. Während die langsameren Gruppen noch die roten Briefumschläge öffnen und die darin steckenden blauen Briefe und die eidesstattlichen Versicherungen voneinander trennen, ratscht ihre Gruppe längst schon die blauen Briefe auf und sortiert Stimmzettel nach Partei. Gerade bei der Briefwahl ist die Arbeitslast auf die Wahlhelfer ungleich verteilt. Es gibt Briefwahlbezirke, in denen nur gut 400 Menschen ihre Stimme per Post abgegeben haben, und solche, in denen sich über 900 Leute für diesen Weg entschieden haben. „Man kann vorher ja nicht wissen, wie viele in einem Bezirk ihre Stimme auf diesem Weg abgeben“, sagt Angelika Marks, Mitarbeitein im Fachbereich Bürgerservice.

Ihr Chef Hardy Drews läuft derweil durch die Tischreihen und schaut nach dem Rechten, per Handy immer in Kontakt mit anderen Wahllokalen. „Man ist schon ganz schön unter Anspannung am Wahltag“, sagt er. Eigentlich laufen in seinem Fachbereich Angelegenheiten vom Einwohnermeldeamt, dem Standesamt oder Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylsuchende zusammen. Doch auch Wahlen organisiert sein Team. „Zum Glück gibt es bei der Europawahl nur eine Stimme“, sagt er. Denn bei Wahlen mit Zweitstimme kämen einige Helfergruppen schnell durcheinander und müssten immer wieder neu zählen. „Da sieht man irgendwann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.“

Ein kleines bisschen ist das so bei der Gruppe von Rüdiger und Andrea. „Tierschutz?“, fragt jemand. „Hier!“, tönt es von der anderen Tischseite. Nachdem sie die größeren Parteien ausgezählt haben, macht sich die Gruppe daran, die Kleinparteien zu sortieren. „Die Violetten?“ – „Nehm ich“, sagt Rüdiger und hängt den einzelnen Stimmzettel über eine Stuhllehne. Bei der einen Stimme für „Familie“ muss er eine Sammelstelle auf dem Fußboden eröffnen. Weil bei der Europawahl keine Fünfprozenthürde gilt, hoffen Dutzende Kleinstparteien auf einen Einzug ins Parlament. „Das ist vielleicht gut für den demokratischen Prozess, aber wir leiden etwas darunter“, witzelt Rüdiger und legt eine weitere Einzelstimme auf den Turnhallenboden.

36 Teams halfen bei der Briefwahlauszählung in der Krahnendonkhalle. Foto: Reichartz,Hans-Peter (hpr)

Hier und da hört man nun schon erste Prognosen durch die Halle raunen: „Die AfD hat wieder zugelegt“, heißt es auf einer Seite – doch bei einem anderen Team ist der AfD-Stimmen-Stapel recht klein. Ein Wahlergebnis ist am frühen Abend aber vielen schon klar: „Die Grünen haben mehr Stimmen als die SPD“, sagt jemand leicht überrascht.

Und dann bringen die Teams eines nach dem anderen die weißen und schwarzen Rollkoffer zur Abgabe. „Puh“, stöhnt einer. Noch eine Unterschrift, dann ist es geschafft.

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