Borussia Mönchengladbach: Jordi Bongard träumt vom großen Durchbruch

Borussia Mönchengladbach: Die Legende von Apartment 6

Profi-Fußballer zu werden, ist der Traum vieler Jugendlicher. Der 16-jährige Jordi Bongard hat es bereits bis in das Spieler-Internat von Borussia geschafft. Dort wohnt er in einem ganz besonderen Zimmer. Ob es ihm Glück bringen wird?

Am Anfang war das Wort. Im Falle des am 21. September 2001 geborenen Jordi Bongard lautete es: „Ball.“ Aus dem ersten gesprochenen Wort, das seinen Drang ausdrückte, sich mit dem Ball zu bewegen, wurde der erste wirkliche Fußball. Aus der Vorstellung, mit dem Ball zu spielen, schnell Realität. Vom Kindesalter an konnte man Jordi Bongard jeden Tag auf einer Wiese im Stadtteil Konzen von Monschau Fußball spielen sehen. War das Wetter schlecht, wich er nach drinnen aus. Da dort im Flur schon mal ein Spiegel von der Wand fallen konnte, war Bongards Mutter dazu gezwungen, bald auch vom Aufhängen anderer Bilder abzusehen.

Das Fußballspielen war ihm in die Wiege gelegt. Oft kickte er mit seinem Vater zusammen, häufig spielte auch die Mutter mit. „Eigentlich hast du das Talent von mir geerbt“, wird sie später immer wieder sagen und lachen. Mit vier Jahren kam Jordi Bongard zu den Bambini des TV Konzen. Mit acht Jahren folgte der Wechsel zu Alemannia Aachen. Dort spielte er seitdem als Innenverteidiger. „Bei meiner großen Größe ist das auch das beste“, sagt Bongard, der heute 1,94 Meter misst.

Er wollte aber weiterkommen. Also tat seine Mutter etwas, das ihm die Tür für all das öffnete, was danach kam: Sie schrieb einen Brief an Borussia Mönchengladbach, in dem sie den Verein fragte, ob Bongard mal zu einem Probetraining vorbeikommen könnte. Ein ungewöhnlicher Schritt: Normalerweise ist der Verein derjenige, der sich an die Spieler wendet. Bei Borussia allerdings hatte man von Jordi Bongard schon gehört, bei ihm nur noch nicht aufgrund der Entfernung angefragt. Bongard konnte also mit elf Jahren zum Probetraining für die U13 kommen – und blieb.  Viermal in der Woche fuhr ihn seine Mutter von da an von Monschau nach Mönchengladbach zum Training. Eine Stunde hin und eine Stunde wieder zurück. Dazu kamen die Spiele am Wochenende. Wenn niemand fahren konnte, fuhr Bongard mit dem Bus nach Lichtenbusch an der Grenze zu Belgien und von da aus weiter. Dann war er pro Fahrt sogar bis zu zwei Stunden unterwegs. Ganz schön viel Fahrerei für einen Schüler. Und ohne die andauernde Unterstützung seiner Mutter ohnehin nicht möglich.

Seit Januar wohnt Bongard darum mit elf weiteren Spielern im Jugendinternat des Nachwuchsleistungszentrums von Borussia. Durch seinen Einsatz und sein Talent hat er sich den Platz dort verdient. Das Internat bietet dem Verein die Möglichkeit, Spieler im Alter zwischen 14 und 18 Jahren aus Deutschland und dem Ausland für sich zu gewinnen. Die Spieler genießen hingegen den Vorteil, in nur wenigen Schritten das Trainingsgelände erreichen zu können. In den Herbstferien war Bongard bereits eine Woche zum Probewohnen da. Zum Halbjahr ist er dann von seinem Gymnasium in Monschau auf das Gymnasium Rheindahlen gewechselt, wo er die zehnte Klasse besucht. Probleme bereitet hat ihm der Umzug in das Internat aber nicht. „Ich kannte ja schließlich schon alle vom Training“, sagt er. Mittlerweile hat er sich richtig eingelebt und sich an den Tagesablauf im Internat gewöhnt.

Dort ist das Leben stark geregelt - Schule und der Fußball bestimmen alle anderen Aktivitäten. Um 7.30 Uhr geht es los, dann wird mit den Jungs zusammen in der Küche gefrühstückt. Um 7.50 Uhr fährt Bongard mit dem Bus oder dem Auto zum Gymnasium, um 15 Uhr ist er wieder zurück. Viel Zeit zur Entspannung bleibt dann aber nicht. Um 17 Uhr ist Bongard wieder im Kraftraum zu finden, danach beginnt das Training. Ab 20 Uhr gibt es dann wieder Essen. „Dann sind auch alle lebendig und wach“, sagt Bongard. Aber auch sonst gibt es Vorschriften, an die sich die Internatsspieler halten müssen: Um 22 Uhr ist Bettruhe, Alkohol und Mädchen sind in den Zimmern verboten. Ständig müssen Ernährung, Schlaf, Erholung und die Psyche im Blick behalten werden. Zwischendurch sind noch die Hausaufgaben an der Reihe, einmal in der Woche gibt es zusätzlichen Nachhilfeunterricht. Jordi Bongard aber nimmt alles so hin, wie es ist. „Ich fühle mich hier kaum eingeschränkt“, sagt er. Schließlich weiß der 16-Jährige, dass diese Maßnahmen notwendig sind, um wie sein Vorbild Mats Hummels einmal Profi-Fußballer zu werden. 

  • Die Fassade der Textil-Akademie: Der Stoff
    Mönchengladbach : Das ist Deutschlands modernste Schule

Am Wochenende fährt Bongard oft nach Hause. „Dadurch ist das Heimweh nicht so groß“, sagt er. Hier kann er seine alten Freunde besuchen, die er für das Internat in Monschau zurückgelassen hat. Am Sonntag bringt ihn sein Vater wieder zurück. Da seine ältere Schwester auch nicht mehr zu Hause wohnt, sind Bongards Eltern unter der Woche zu zweit. Im Internat steht dem 16-Jährigen ein etwa 20 Quadratmeter großes Zimmer mit einem Schrank, einem Schreibtisch, einem Bett und einem eigenen Bad als Rückzugsort zur Verfügung. Sucht er nach Gemeinschaft, kann er sich im Aufenthaltsraum mit einem Kicker, einem Billardtisch und Computern oder einfach in der großen Küche mit den anderen Spielern treffen. Abends schauen sie vor dem Fernseher Fußballspiele zusammen an, bringen in der Halbzeit schnell die Küche in Ordnung und gucken dann die zweite Hälfte des Spiels. Borussias Bundesliga-Heimspiele können die Spieler live im Stadion verfolgen. „Das Zusammenleben wird auf jeden Fall nie langweilig“, sagt Bongard. Man streitet und versöhnt sich, geht zusammen durch große und kleine Strapazen des Alltags: „Eigentlich sind wir wie Geschwister.“ Um runterzukommen, spielt Bongard mit den anderen Jungs Playstation. Wenn er einmal ganz rauskommen möchte aus dem Fußball-Modus,  hilft ihm sein Freundeskreis aus dem Gymnasium. Oder er spielt mit Birgit Lintjens – der „Mutter“ des Internats – Gesellschaftsspiele wie „Stadt, Land, Fluss“ oder „Mensch ärgere dich nicht“.

Lintjens und ihr Ehemann Wolfgang stellen für die Spieler im Internat eine Art Ersatzeltern dar: Wolfgang Lintjens motiviert die Jungs, fußballerisch alles zu geben, Birgit Lintjens ist bei allen anderen Sorgen des Alltags für die Jugendlichen da. Wie Jordi Bongard Bezugspersonen zu haben, auf die man zählen kann, ist wichtig in einer Branche, in der es immer auch um Konkurrenzdenken geht. Seit September spielt er in der deutschen U-17-Fußballnationalmannschaft, war in Ländern wie Spanien und Griechenland zu Gast und verpasste die Europameisterschaft in England nur knapp wegen einer Zerrung. Sieben Spiele für Deutschland hat er jetzt hinter sich. „Wenn ich mit der Nationalmannschaft wegfahre, gönnt mir das von den anderen Spielern jeder, da ich der einzige Innenverteidiger im Internat bin“, sagt Bongard. „Auf dem Flügel herrscht da schon ein größerer Konkurrenzkampf.“

Im Juli wird Jordi Bongard von der U17 in die U19 wechseln. Ein weiterer Schritt in die Richtung seines Traums. Wenn es gut läuft, schafft es pro Saison ein Spieler aus der Nachwuchsförderung in die Lizenzmannschaft. Noch schwieriger, als einmal eingewechselt zu werden, ist es, sich dauerhaft dort zu etablieren.  Was glaubt Bongard selbst, was seine Zukunft bringen wird? „Ich schätze meine Chancen gut ein. Aber ich weiß, dass es ein langer Weg ist und ich noch viel arbeiten muss“, sagt der 16-Jährige. Er bleibt bodenständig: Sein Ziel ist es, das Abitur zu schaffen, als Plan B hält er sich ein Sport-Studium oder eine Ausbildung als Polizist offen.

Seine große Leidenschaft aber, die bleibt der Fußball. Und ein gutes Omen dafür, dass er seine Leidenschaft zum Beruf machen kann, gibt es schon einmal: In seinem Zimmer – Apartment 6 – wohnten vor ihm unter anderem Tony Jantschke und Patrick Herrmann. Beide sind Profi-Fußballer geworden. Vielleicht ist Jordi Bongard ja der nächste in dieser Reihe.