Borussia Mönchengladbach: Jecke Anarchie in Schwarz-Weiß-Grün

Mönchengladbach: Jecke Anarchie in Schwarz-Weiß-Grün

Borussias 15. Karnevalssitzung setzte einmal mehr Maßstäbe. Wo sonst schließlich outen sich bekannte Kölsch-Rocker als Gladbach-Fans?

Im Karneval herrscht Anarchie. Der Alltag wird aus den Angeln gehoben, es regieren die Narren, sie sind laut und lustig, ironisch und höhnisch, und hinter den Masken verschwinden die Sorgen und Nöte der Normalität. Mancher nutzt den Karneval zur Seelenschau und wird zu dem, was er gern mal wäre. Bei der närrischen Prunksitzung der Borussen jedoch fiel eine Maske. Karl-Heinz "Charly" Brand, im Scheiden begriffener Boss der kölschen Band "De Räuber", nutzte den Auftritt auf der Bühne im Wickrather Kunstwerk zum Outing. "Ich bin ein absoluter Borussen-Fan, ich bin und war immer Borusse", gestand er den rund 1300 Menschen im Saal.

Borussias Präsident Rolf Königs wagte sich aufs Tanzparkett. Foto: Kellermann Bruce

Sekunden des Staunens. "Ne echte Kölsche" gesteht seine Liebe zu den Borussen? Wahrhaftig. Brand wiederholte es, und es war ein Geständnis voller Inbrunst. Rainer Bonhof, der früher für Gladbach und den 1. FC Köln spielte und nun Vize-Präsident der Borussen ist, sprang flugs auf und hängte dem Bekennenden den Orden des Abends um den Hals. Brand frohlockte. Wenn er künftig kürzer tritt mit der Musik, wird er mehr Zeit haben, seine bislang meist verborgen gehaltene Liebe auszuleben: Öfter mal in den Borussia-Park will er gehen. Das könnte ein Glücksfall sein, denn bisher hat Brand, wenn er da war, nur Erfolge gesehen. Was Borussias Bilanz an ihren Sitzungs-Wochenenden angeht, würde das helfen - prall ist die nicht. Einen Sieg gab es (20. Januar 2012, 3:1 gegen die Bayern), das 0:0 in Darmstadt war das zweite Remis, ansonsten gab es fünf Niederlagen. Siebenmal gab es an den Sitzungs-Wochenenden kein Spiel. Nebenbei: Mutig war Brands Ansage durchaus, denn in der Vergangenheit gab es schon ein paar böse Worte in Richtung der Kölner Karnevals-Bands, die auf der Borussen-Sitzung zu sehen waren. Aber auch die "Rabaue", die zum Abschluss spielten, waren bereit zum Schulterschluss: Frontman Alex Barth schwang die Gladbach-Fahne, zudem trugen er und seine Kollegen schwarz-weiß-grüne Schals.

"Charly" Brand (li.), Sänger von "De Räuber", hatte etwas zu gestehen. Foto: Kellermann Bruce

Mit den "Rabaue" endeten über vier Stunden Programm, das die 15. Sitzung der Borussen zu bieten hatte. Dass der Abend mehr zu bieten hatte als tags zuvor das torlose Treiben der Profis in Darmstadt, sei am Rande erwähnt. Der Stimmung indes tat die noch immer angespannte sportliche Situation keinen Abbruch. Als "Die Seele brennt" angestimmt wurde, schwelgte der Saal in Borussia-Gefühlen. Später dann wurden kölsche Lieder geschmettert - im Karneval fällt auch so manche Mauer in den Köpfen. So war es kein Problem für all die Borussen, den Song "Stadt met K" mitzusingen, den "Kasalla" auf die Bühne brachte.

Das Prinzenpaar zeigte sich bestens aufgelegt. Das Prinzenpaar zeigte sich bestens aufgelegt. Foto: Reichartz Hans-Peter

"Kasalla" sind sozusagen die Fohlen unter den Karnevals-Bands, jung und wild, und das passt natürlich zu den Borussen, schließlich ist das Nachwuchs-Modell ja, so würde er Sportdirektor Max Eberl sagen, die DNA des Klubs. "Dat is moderner Karneval 2020", befand Willi Keuser, der Anführer des wie üblich zu diesem Anlass in Borussen-Trikots gewandeten Elfer-Rates, nach dem Auftritt der erst vor fünf Jahren gegründeten Gruppe. Die vermählt Rock 'n' Roll und Ufftata, und das untermalt vom Akkordeon, eine interessante Mischung. Die Youngster waren indes eingerahmt von Haudegen der Szene: besagte "De Räuber" und "Rabaue", zudem Bernd Stelter, die "Klüngelköpp", Martin Schopps, "Kölsch Hännes'chen", "Cat Balou" und Guido Cantz.

Stil-Affront: Guido Cantz in den Farben des Effzeh. Foto: Reichartz Hans-Peter

Letzterer schaut ja ein wenig aus wie Stefan Effenberg und kam, wie üblich, im knallroten Anzug mit weißem Hemd. Das sind nun mal die Farben des Erzrivalen Effzeh. Jenseits des Karnevals würde Cantz' Kleiderwahl als heilloser Affront gewertet von Schwarz-Weiß-Grün, doch wenn die Anarchie regiert, gelten, analog zum Pokal, andere Gesetze. Zum Beispiel, dass Männer in Strumpfhosen unterwegs sind, wie der Prinz des Karnevals, der in dieser Session Norbert (Bude) heißt. Jener war mit seiner Prinzessin Barbara (Gersmann) da. Sie intonierte einen der sechs gängigen Sessions-Songs "Wenn du nit danze kanns". Und Prinz Norbert, vor vielen Jahren einmal Vorsitzender des städtischen Sportausschusses, gab bekannt, was er sich für den Rest der Saison von den Borussen erhofft: "Ich bin nun seit mehr als 51 Jahren Borussia-Fan, und ich bin mir sicher, dass Borussia in der Rückrunde noch viele Siege feiern wird. Und wer ist schon Florenz? Wie schön wäre es denn, wenn wir auch weiter international spielen dürfen?!"

Die Ohren der Spieler, an die diese Ansage quasi gerichtet war, erreichte des Prinzen Botschaft nicht. Denn die Mannschaft ist seit Jahren nicht dabei, wenn Borussia Karneval feiert. Das war nur in den ersten Jahren der Sitzung so gewesen. Normalerweise sind solche forschen Töne wie die des Prinzen verpönt in der Borussen-Welt. Doch in der Anarchie des Karnevals ist es erlaubt, auch solche Grenzen zu sprengen. Zumal wenn das Motto ist: "Gladbach umarmt die Welt". Zu der gehört, bei aller Anarchie, schließlich auch Europa.

(kk)
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