Mönchengladbach: Bomben auf Jack

Mönchengladbach: Bomben auf Jack

Warum Gladbach ist, wie es ist: In einer Serie stellt die Rheinische Post Schlaglichter der Mönchengladbacher Geschichte vor, deren Spuren bis in die Gegenwart reichen. Heute: Wie der Krieg aus Mönchengladbach eine Stadt der Trümmer machte.

Die Ruinen an der Aachener Straße stehen noch heute. Tausende fahren oder gehen täglich daran vorbei, doch kaum jemand beachtet sie. Über die bröckeligen Mauerreste wächst Gestrüpp, im Briefkasten steckt die Werbung eines Pizza-Lieferanten. Dabei wohnt dort kein Mensch mehr. Seit ziemlich genau 65 Jahren. Seitdem die Bomben im Zweiten Weltkrieg aus dem Haus eine Ruine machten.

Doch diese Mauerreste an der Aachener Straße in Höhe der Altstadt sind eine der letzten öffentlich zu sehenden Kriegsschäden in Mönchengladbach. Eine der letzten unverheilten Narben, von den seelischen Schäden in der Bevölkerung einmal abgesehen. Sie erinnern an ein rund zwei Jahre andauerndes Inferno, das bis zur Besetzung der Stadt im März 1945 eine Trümmerlandschaft hinterließ.

Im Frühjahr 1940 dachte noch kaum jemand in Nazi-Deutschland an Fliegerangriffe der Alliierten. Doch bei der britischen Luftwaffe waren längst Pläne ausgearbeitet. Einer davon verhieß: Bomben auf Jack. Jack war nichts anderes als der britische Deckname für "Munchen-Gladbach" und Rheydt. Zwar hatten beide Städte bei den Briten die niedrigste Zielpriorität erhalten, doch sie waren eben am einfachsten und schnellsten von der Insel aus zu erreichen. Demnach war "Jack" am Pfingstsonntag 1940 das erste deutsche Ziel, das von Bomben getroffen wurde.

Ein erstes Alarmsignal tönte durch die Stadt, und allein bis März 1942, also noch vor den Großangriffen, sollte 296mal Alarm ausgelöst werden und 51mal Bomben fliegen. Die Stadt bestellte vorsichtshalber im Juli 1943 2000 Särge, weil sämtliche Vorräte erschöpft waren. Man kann sagen, dass sich die Mönchengladbacher und Rheydter Bevölkerung fast daran gewöhnt hat, sich in die Luftschutzkeller zu verkriechen, bis ab Frühjahr 1943 auf einmal Ruhe war. Trügerische Ruhe.

Denn der verheerende Angriff geschah erst später, in der Nacht vom 30. auf den 31. August 1943. Mit 660 Flugzeugen starteten die Alliierten einen Luftangriff von Südengland aus auf Jack. Die Luftschutzwarnstelle im Rathaus Abtei erkannte um 2.15 Uhr noch "Flugtätigkeiten im Raum Duisburg". Um 2.59 Uhr jedoch flogen die ersten Markierungsbomben über Neuwerk. "Zero Hour", die Stunde Null zum Angriffsbeginn, war erreicht. Sie dauerte gerade einmal 29 Minuten.

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Wie viele Bomben tatsächlich fielen, ist unmöglich zu sagen. Britische Aufklärer ermittelten, dass beide Stadtkerne zur Hälfte zerstört seien. In Rheydt waren 80 Prozent der Wohnhäuser schwer beschädigt oder zerstört, in Odenkirchen sogar 98 Prozent. Ganze Straßenzüge lagen in Trümmern, Oberleitungen der Straßenbahnen waren zerfetzt, Schienen ragten verbogen in die Luft. Panische Augenzeugenberichte lesen sich wie Zeugnisse des Weltuntergangs. "Ganz Odenkirchen war ein Flammenmeer", notierte Pfarrer Franz Rixen in dieser Nacht.

Menschen, die aus den Luftschutzräumen kletterten, suchten nach Überlebenden mit "vielfach verschmutzten und verrußten Gesichtern, mit wirrem Haar, manche auch verschrammt und blutig, oft von Mörtelstaub bedeckt". Und ein Bericht fasst zusammen, wie eine "heisere Frauenstimme durch die Nacht rief: Das Münster brennt!" Mönchengladbach und Rheydt war eine einzige klaffende Wunde, die die Stadt zügig versuchte, zu heilen. Vier Wochen später wurde das Straßenbahnnetz wieder in Betrieb genommen, Häuser wieder notdürftig bewohnbar gemacht, und sonntags arbeiteten Handwerker auch noch an den Kirchen.

Aber alles nur für die nächsten Bombenteppiche im September und Dezember 1944. Nun herrschte praktisch Daueralarm. Es gab kaum noch Lehrer, Schüler standen an den Flaks, Bestattungen waren kaum noch möglich. Die Angst vor Tiefflieger-Angriffen war groß, und "am Ende fehlten sogar die Särge", schreibt Margrit Sollbach-Papeler.

Mehr als 2000 Zivilpersonen starben bei den Bombenangriffen. Mit Kriegsende fanden die Amerikaner Mönchengladbach als einen Trümmerhaufen vor. Fast die Hälfte aller Wohnhäuser war unbenutzbar, eine Million Kubikmeter Schutt bedeckte die Stadt. Zumindest diese Narben sind heute verheilt.

Zum Weiterlesen: Sollbach-Papeler, Margrit: Mönchengladbach und Rheydt 1939-1945. Alltag unter Bomben, Hagen 1997; und: Löhr, Wolfgang (Hg.): Loca Desiderata, Band 3.1

(RP)
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