Mönchengladbach: Blutige Postkartenlyrik

Mönchengladbach: Blutige Postkartenlyrik

In Zeiten, in denen Menschen Marken werden, weil sie kaum eine Minute des Tages und natürlich kein Thema vergehen lassen, ohne zu twittern, in Zeiten, da Instagram Biografien in bunten Bildern malt und Urlaubsgrüßen- und bildern Facebook überquellen lassen, ist die gute alte Postkarte ein Auslaufmodell. Dabei gibt es so schöne Postkarten-Erinnerungen in jeder Biografie, manchmal auch Schuhkartons, in denen das Best-off gesammelt ist. Wie war das früher, wenn Volker aus dem Urlaub Grüße sandte? "Die Sonne lacht", "das Wasser hat 21 Grad" ... ach, schön war es.

Arnold Küsters ist auch einer, der früher gern Postkarten schrieb aus dem Urlaub. Natürlich ist der Autor aus Mönchengladbach heute auch bei Facebook und schreibt E-Mails, doch er hat sich bewahrt, was heute möglicherweise ein wertvolles Gut ist, weil es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet: Er ist oldschool, wie es neudeutsch heißt, einer von der alten Schule. Er schätzt die Dinge seiner Jugend, zum Beispiel hat er ein Trimm-dich-Männlein, das im Treppenaufgang steht und einigen anderen Nippes aus früheren Zeiten. Zuletzt hat sich Küsters einen Plattenspieler besorgt, einen "Mister Hit", ein Ding in Orange und mit einem Lautsprecher im Klappdeckel. Ein Relikt aus den 1970ern. Kult, aber funktionstüchtig. Das Gerät wird zum Einsatz kommen, um in ein Programm, an dem er arbeitet, von Küsters vorgetragene Liebesgedicht musikalisch zu untermalen - mit Songs von knisternden Vinyl-Singles.

Kult sind auch Küsters' blutrünstige Krimigedichte. Da wird geschnitten, geschossen, vergiftet und in Säurebädern aufgelöst, und das im unschuldigem Tonfall - als Sohn eines Metzgers ist Küsters von klein auf alltägliche Bluttaten gewohnt. Sonntags gibt er seine Verse regelmäßig bei Facebook zum Besten, dafür gibt es auch schon mal böse Kommentare, die Fans jedoch lieben den sonntäglichen Kill-Thrill in Reimform und werden zuweilen zu Eigenproduktionen angeregt. Das kann sich auch mal hochschaukeln.

Neuerdings gibt es Küsters' blutige Poesie auch im Postkartenformat. Acht gereimte Bösartigkeiten umfasst seine "Postkartenlyrik" (1,50 Euro pro Karte, Stapel 8,50 Euro) - und es geht wie gewohnt ordentlich zur Sache. Neben den bösen Worten finden sich animierte Einschusslöcher und Blutlachen auf den Karten, stilecht darf man sagen.

Die Frage ist: Wie geht der Adressat mit der Botschaft um? Ist es eine Drohung? Ein Attentat auf den guten Geschmack? Oder, in Verbindung mit dem, was der Absender auf der Umseite verfasst hat, eine ironische Brechung der guten Wünsche, die normalerweise auf Postkarten zu finden sind? Versehen mit liebevollen, sonnigen Zeilen wäre es dann ein Gesamtkunstwerk.

Zum Beispiel so: Vorn (Küsters): "Bitte erschieß mich doch nicht ohne Not; Okay sagte sie und hieb mit der Axt ihn tot; Danach fuhr sie fröhlich pfeifend in die Eifel; Sie war noch nie eine Frau mit großem Zweifel" - Umseitig (Urlauber): "Viele Grüße aus dem schönen Mechernich, die Abendsonne scheint blutrot, ich genieße die Einsamkeit und den Ausblick vom Galgennück!"

(kk)