Mönchengladbach: "Belastete" Straßen: Debatte nimmt Fahrt auf

Mönchengladbach : "Belastete" Straßen: Debatte nimmt Fahrt auf

2009 beschloss der Stadtrat, die nach dem Afrika-Feldherrn Paul Emil von Lettow-Vorbeck benannte Straße umzubenennen. Dafür war nicht zuletzt eigens ein Gutachten durch einen Afrika-Historiker erstellt worden.

Gegen die Umbenennung der Straße klagte ein Ehepaar, das zu diesem Zweck 200 Unterschriften gesammelt hatte. Im März 2011 urteilte das Verwaltungsgericht: Die Klage wird abgewiesen — und die Straße folglich umbenannt.

Im Urteil ist von "schwerwiegenden persönlichen Handlungen" Lettow-Vorbecks die Rede; und seine Wertvorstellungen hätten "im Widerspruch zu den Grundsätzen der Verfassung, der Menschenrechte bzw. einzelner, für die Gesamtrechtsordnung wesentlicher Gesetze" gestanden. Die mit der Umbenennung verbundenen Unannehmlichkeiten für die Anwohner seien "hinzunehmen".

So geschehen in Hannover.

Auch in Mönchengladbach ist eine neue Debatte darüber ausgebrochen, wie mit historisch belasteten Straßennamen umzugehen ist, nachdem jüngst die Stadt Münster entschied, den Namen Paul von Hindenburgs vom Stadtplan zu verbannen (die RP berichtete). Der an den Sportfunktionär Carl Diem erinnernde Straßenname (auch in Gladbach gibt es eine) in der Studentenstadt wurde sogar bereits 2010 getilgt. Den Namen des Gladbacher Arbeiterdichters Heinrich Lersch könne man hingegen beibehalten, urteilte die in Münster eigens eingerichtete Kommission Straßennamen im Juni 2011: Er sei kein Parteimitglied gewesen.

Dies jedoch war eine Fehleinschätzung, wovon mittlerweile auch Gladbacher Historiker erfahren haben. Auf ihrer Internetseite (www.muenster.de) zeigt die Stadt Münster seit einiger Zeit Lerschs NSDAP-Mitgliederkarte mit der Nummer 3701750.

Nach Lersch sind in Mönchengladbach eine Straße und eine Gemeinschaftshauptschule benannt. Ferdinand Hoeren, Vorsitzender der Theo-Hespers-Stiftung, sagte gestern, es gebe durchaus Söhne und Töchter der Stadt, die einer solchen Auszeichnung würdiger seien als Heinrich Lersch — etwa der Schriftsteller Gottfried Kapp, der 1938 bei einem Gestapo-Verhör ums Leben kam und nach dem bereits seit dem Jahr 2000 eine Straße benannt ist.

Würdigere Kandidaten

Auch zahlreiche RP-Leser meldeten sich zu dem brisanten Thema zu Wort — teilweise mit Vorschlägen und Hinweisen auf Menschen, die dem NS-Regime kritisch-aktiv gegenüberstanden und bis heute im Stadtbild größtenteils ungewürdigt sind. Leser Karl Holzen beispielsweise berichtete über seinen Großvater Wilhelm Giesing, Schulleiter am Huma, der sich unter anderem 1938 geweigert hatte, jüdische Schüler von der Schule zu entlassen und sie sogar zum Schutz vor Übergriffen nach Hause begleitete. 1945 wurde Giesing öffentlich rehabilitiert und als politisch Verfolgter anerkannt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Dubiose Straßennamen

(RP/rl)
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