Mönchengladbach: Arsen in Straßen: Stadt entschuldigt sich

Mönchengladbach : Arsen in Straßen: Stadt entschuldigt sich

Man habe den Neuwerker Arsen-Skandal lange falsch eingeschätzt, hieß es jetzt von der Verwaltung in der Bezirksvertretung Ost. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum aktuellen Stand der Dinge.

Sie ist selbst Betrogene: Die Stadt hatte bei Pflasterarbeiten an der Süchtelner Straße und der Klumpenstraße in den Jahren 2005 und 2006 ein Naturprodukt (Brechsand-Splitt) ausgeschrieben und bezahlt, die beauftragte Firma aber Material eingebaut, das nicht mal zugelassenen Recycling-Produkten entspricht. Es ist vielmehr stark mit Blei und Arsen belastet. Doch für ihre Kommunikationspolitik in der Folge musste sich die Stadt heftige Kritik gefallen lassen: Bekannt war die Problematik verwaltungsintern seit November, die Politik wurde erst Ende Juli in Kenntnis davon gesetzt.

Nun hat Hans-Günter Petry, Leiter des Fachbereichs Ingenieurbüro und Baubetrieb, in der Bezirksvertretung Ost, sich entschuldigt. "Es gab an verschiedenen Stellen, auch in meinem Fachbereich und bei mir, eine falsche Einschätzung", sagte Petry. Man habe kein Gefährdungspotenzial gesehen. Erst, als die Stadt Grevenbroich im Mai begann, belastetes Material wieder auszubauen, das dieselbe beschuldigte Firma in einem Kapellener Neubaugebiet verbaut hatte, habe man sich gefragt, "warum die Betrachtungsweisen so unterschiedlich sind". Die wichtigsten Fragen und Antworten zum aktuellen Stand der Dinge:

Wie gefährlich ist das eingebaute Material? Es bestehe keine akute Gefahr für Mensch und Grundwasser, sagt Götz Stellmacher von der Unteren Bodenschutzbehörde, weil es sich um die wenige Zentimeter dicke Bettungsschicht des Pflasters handelt. Diese sei nach oben durch die geschlossene Pflasterdecke und nach unten durch eine meterdicke Lößlehmschicht versiegelt. Eine Gesundheitsgefährdung bestünde laut Gesundheitsamt nur dann, wenn man das Material oral einnähme — in Dosen ab 150 Gramm, über längere Zeit. Ob und inwiefern das Grundwasser über lange Zeiträume hinweg beeinträchtigt werden kann, soll die nun in Auftrag gegebene Sickerwasserprognose klären — um die "letzte Spitze einer abstrakten Gefahr auszuschließen", so Petry.

Was genau hat die Firma in Neuwerk eingebaut? Das ist unklar. Das Material sehe dem bestellten Natursplitt "täuschend ähnlich", sagt Petry, der eine "große Systematik" und auch "kriminelle Energie" für nötig hält, um diesen Effekt herbeizuführen. Vermutlich handele es sich um Kupferschlacke mit zugemischten Müllverbrennungsprodukten. Anders sei nicht zu erklären, dass sich Konzentrationen von bis zu 23 000 Milligramm pro Kilogramm Blei und bis zu 1800 Milligramm pro Kilogramm Arsen darin befinden.

Warum wurde das Material beim Einbau nicht geprüft? Die Bettungsschicht war bisher die einzige, die man nicht prüfte, sagt Petry; eben weil sie so dünn ist und sich keiner vorstellen konnte, dass sich jemand die Mühe macht, ausgerechnet in diesen kleinen Tonnagen illegale Substanzen beizumischen. Künftig werde sich das ändern.

Warum kommen Städte zu so unterschiedlichen Einschätzungen? In Grevenbroich handelte es sich um ein teils noch offenes Neubaugebiet, in Gladbach sind die Substanzen seit Jahren im Boden. Es gibt unterschiedliche Flurabstände, zudem können die illegal beigemischten Substanzen theoretisch unterschiedlicher Natur sein.

Was soll das nun in Auftrag gegebene Gutachten klären? Ende September sollen erste Ergebnisse vorliegen. Zeigt das Gutachten, dass keine langfristige Gefahr für das Grundwasser besteht, bleibe das Material voraussichtlich im Boden, sagt Stellmacher — selbst wenn das die Grundstückswerte der Immobilienbesitzer beeinträchtigt. Zeigt es eine Gefährdung, "gibt uns das Material für weitere rechtliche Schritte gegen die Baufirma", so Petry.

Warum reißt die Stadt das Pflaster nicht auf und ersetzt das Material? Weil das für die Süchtelner Straße 600 000 Euro und die Klumpen-/Ehlerstraße 1-11 ("Das war ein Bauabschnitt", so Petry) 380 000 Euro kosten würde — und es nicht zuletzt von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abhängt, ob sie dann am Ende auf den Kosten sitzenbliebe oder sie erstattet bekäme. "Natürlich würden wir das Zeug gerne zurückgeben und ersetzen lassen", so Petry. Aber das hänge vom Gutachten und weiteren zivil- und ordnungsrechtlichen Schritten ab.

(RP)
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