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Interview mit Generalintendant Michael Grosse: "Am Niederrhein gefällt es mir einfach"

Interview mit Generalintendant Michael Grosse : "Am Niederrhein gefällt es mir einfach"

Nach der Vertragsverlängerung richtet sich Generalintendant Michael Grosse auf weitere sieben Jahre in Krefeld und Mönchengladbach ein. Wie es mit dem Projekt "Theater mit Zukunft" weitergeht, erklärt Grosse im Redaktionsgespräch.

Herr Grosse, die Verhandlungen über Ihre Vertragsverlängerung haben sich hingezogen, am Ende aber gaben die beiden Stadträte grünes Licht für die Fortführung des Konzepts "Theater mit Zukunft". Hat dieser Prozess Sie belastet?

 Michael Grosse als Schauspieler: links in "Deutschland ein Wintermärchen", rechts in dem Soloabend "Die Macht des Gesanges".
Michael Grosse als Schauspieler: links in "Deutschland ein Wintermärchen", rechts in dem Soloabend "Die Macht des Gesanges". Foto: Stutte

Michael Grosse Überhaupt nicht, Geduld aber mussten alle aufbringen. Ich bin erleichtert über das positive Ergebnis.

 Seit drei Jahren leitet Michael Grosse die Geschicke des Zwei-Städte-Theaters am Niederrhein.
Seit drei Jahren leitet Michael Grosse die Geschicke des Zwei-Städte-Theaters am Niederrhein. Foto: Endermann

Sie haben Planungssicherheit gewonnen, indem beide Städte ab der Spielzeit 2015/16 jeweils eine knappe Million Euro mehr in den Theaterhaushalt einzahlen. Ist nach drei Jahren der Ära Grosse auch der Umbau der Gesellschaftsform der vereinigten Bühnen vollzogen?

Grosse Apropos Zuschuss: Man vergisst leicht, dass es auch bereits 2010 eine Erhöhung des Beitrags der Städte um 450 000 Euro gegeben hat, dazu Mittel für die Übertragung der spielfertigen Theaterhäuser. Seither haben wir daraus das Beste gemacht, vor allen Dingen Synergien genutzt. Das beginnt sich jetzt auszuzahlen.

Nun können Sie bis 2020 planen, also insgesamt für ein ganzes Jahrzehnt unter dem Intendanten Grosse.

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Grosse Drei Jahre liegen erst hinter uns, damit sind wir eigentlich immer noch in der Startphase, noch nicht einmal ein Drittel des Wegs liegt hinter uns. Da muss jetzt noch nicht die Schlussphase durchgeplant werden.

Während der zwei Umbauspielzeiten und der Auslagerung des Spielbetriebs ins TiN im Nordpark haben Sie in Mönchengladbach erheblich an Besuchern verloren. Haben Sie diese Kunden zurückgewinnen können?

Grosse Das war eigentlich schon am Ende der vergangenen Spielzeit 2011/12 geschafft. Wir sind wieder auf einem Stand von rund 250 000 Besuchern insgesamt pro Spielzeit, davon entfallen auf Mönchengladbach etwa 125 000.

Wie steht es um den Etat in der ausklingenden Spielzeit?

Grosse Wir haben ja vor einem Jahr die Kartenpreise um 15 Prozent erhöhen müssen. Dennoch werden unsere Einnahmen in diesem Geschäftsjahr die Erwartungen um 220 000 Euro übertreffen. Das ist bemerkenswert, hatten wir doch damit nicht gerechnet. Wir gingen davon aus, dass die Preiserhöhung in Krefeld nur zehn Prozent, in Mönchengladbach acht Prozent mehr Einnahmen bringt. In der nächsten Spielzeit hoffen wir, dass sich diese Entwicklung in Richtung 15 Prozent in Krefeld bzw. zwölf Prozent in Mönchengladbach fortsetzt.

Wieso setzen Sie das Einnahmeplus in Mönchengladbach niedriger an als in Krefeld?

Grosse Weil wir die Auswirkungen der zweijährigen Interimszeit im TiN auf das Besucherverhalten seriöserweise berücksichtigen mussten.

Kennen Sie aktuelle Zahlen der Besucher-Entwicklung?

Grosse Die Spielzeit geht ja noch bis zum 27. Juli, danach wird abgerechnet. Aber ich kann schon mitteilen, dass die mittlere Auslastung an den beiden Häusern bei rund 70 Prozent liegt. Damit liegen wir durchaus auf Augenhöhe mit Theatern in der weiteren Umgegend.

Gibt es Gründe dafür, dass etwa im Schauspiel nur selten ein volles Haus zu erleben ist?

Grosse Die Theatersäle in Krefeld und Mönchengladbach sind für Schauspiel zu groß ausgelegt, in Rheydt haben wir 816 Plätze, das sind für ein Schauspielhaus zu viele. Und wenn dann 450 Besucher drin sitzen, wirkt das Haus nicht gut ausgelastet. Damit müssen wir leben.

Die Personaldecke ist sehr knapp, kommt es da nicht zu einer permanenten Selbstausbeutung der Mitarbeiter?

Grosse Das ist ein hartes, aber durchaus zutreffendes Wort. Tatsache ist, dass wir, seit wir eine gemeinnützige Gesellschaft sind, flexibler auf alle Erfordernisse reagieren können. Wir managen die spielfertigen Häuser selbst. Da können wir manche anfallenden Reparatur- und Sanierungsarbeiten in Eigenregie mit eigenen Kräften machen, zum Beispiel Maler- oder Elektroarbeiten. Dadurch sparen wir eine Menge Geld, das früher die Städte an Handwerksbetriebe ausgegeben haben. Aber natürlich müssen wir aufpassen, dass wir bei den Überstunden nicht ausufern und allgemein die Substanz unserer Kollegen gefährden. Manches können wir mit Fördermitteln des Landschaftsverbandes auffangen, die dieser zur Förderung bechäftigter Schwerbehinderter zur Verfügung stellt.

Sie sind als Intendant der künstlerische Leiter, aber zugleich Geschäftsführer der GmbH. Macht Ihnen der Bereich Betriebswirtschaft eigentlich Spaß?

Grosse Da letztendlich jede betriebswirtschaftliche Entscheidung bei uns der künstlerischen Arbeit zu dienen hat, kann und soll man diese Dinge nicht trennen.

Wie ziehen Sie als oberster Lenker die Zügel? Wie ein Konzernchef?

Grosse Man darf nie das Ziel aus den Augen verlieren, und das ist ein gemeinsames. Man muss alle Partner sofort auf den gleichen Stand bringen, damit kein Misstrauen entsteht. Daher lege ich großen Wert auf regelmäßige Zusammenkünfte mit dem Betriebsrat, wichtig ist, dass Informationen über alle Ergebnisschritte gestreut werden. Dann erst ist gewährleistet, dass es solidarisch vorangeht. Kommunikation ist das A und O. Und zum Konzernchef: Ich stehe gelegentlich selbst mit dem Ensemble auf der Bühne, zum Beispiel als Frosch in der "Fledermaus". Das passt nicht in dieses Bild.

Wie gefällt Ihnen Ihr Leben am Niederrhein, sind Sie hier angekommen?

Grosse Es gefällt mir hier ganz einfach gut, ohne jeden Schmu. Als ich aus Schleswig-Holstein kam, war ich überrascht von der landschaftlichen Schönheit hier. Und ich nehme regen Anteil an den Angeboten. In Krefeld, wo ich wohne, sowieso; aber ich versuche auch zu jedem Borussia-Spiel nach Mönchengladbach zu fahren, möglichst mit meinem zehnjährigen Sohn.

Welchen weiteren Schwerpunkt möchten Sie im Spielplan setzen?

Grosse Ich denke, dass es reizvoll wäre, Themen in den Spielplan zu nehmen, die sich direkt mit dieser Region befassen. Aber da gibt es noch keine konkreten Überlegungen, auch wenn wir derzeit schon den Spielplan 2014/15 planen. Stärker ausbauen möchten wir die Bedeutung unseres Theaters als "Sprungbrett-Bühne". Dazu gehört das Opernstudio Niederrhein, das wir gern verstetigen würden. Dazu bedarf es aber hilfreicher Sponsoren.

Denken Sie an eine Ausweitung des Einzugsgebietes, um mehr Besuchergruppen zu erschließen?

Grosse Eines unserer Ziele ist, mehr Besucher aus den benachbarten Provinzen der Niederlande zu gewinnen. Von dort kommen schon jetzt Leute, die sich speziell für Ballett und Operette interessieren.

Sie verfolgen im Spielplan bestimmte "Linien" — von der Shakespeare- über die Klassikerpflege bis hin zum außereuropäischen Theater. Was könnte dazu noch kommen?

Grosse Ich kann mir gut vorstellen, mehr spartenübergreifende Produktionen zu machen. Ein denkbares Beispiel, das Schauspiel und Musiktheater vereint und Mischbesetzung fordert, wäre das Musical "Anatevka".

Werden Sie weiter als Schauspieler auf die Bühne gehen?

Grosse Das will sehr genau geplant sein: Es gibt meine Soloabende, ich spiele in der "Fledermaus" und in einer Nebenrolle in Becketts "Glückliche Tage" mit. Vor allem darf es nicht sein, dass ich unseren Schauspielern die Rollen wegnehmen. Ich bin eher ein Chargenspieler, ein Mitspieler. Das trifft mein Grundverständnis.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN RALF JÜNGERMANN, DIETER WEBER UND DIRK RICHERDT.

(RP)