Mönchengladbach: Altstadt: Weg vom Schmuddel-Image

Mönchengladbach : Altstadt: Weg vom Schmuddel-Image

Die alternative Künstlerszene ist hier ebenso heimisch wie das Sommerbrauchtum: Allmählich wandelt sich Mönchengladbachs Partymeile. Die Altstadt-Initiative steuert die Veränderungsprozesse und hat zahlreiche Ideen. Ganz wichtig: Die Anwohner werden beteiligt.

Es ist eine interessante Gemengelage an diesem Punkt der Waldhausener Straße: Der Dicke Turm mit dem Bezirksarchiv der Bruderschaften steht für die Tradition. Das daneben liegende Offene Atelier mit dem Blauen Haus lädt die alternative Künstlerszene ein. Und auf der anderen Seite verkörpert das Restaurant Goldwasser eine gastronomische Ausrichtung, die in dieser oder ähnlicher Form der Altstadt Perspektiven eröffnen kann.

Wo die drei Gebäude zusammenlaufen, ist der Mittelpunkt der oberen Waldhausener Straße — und das soll sich spätestens im Sommer auch oft widerspiegeln. "Hier werden kleine Theatergruppen auftreten", sagt der Technische Beigeordnete Andreas Wurff. Die bauliche Voraussetzung passt: Eine gepflasterte Ebene bremst den in diesem Bereich abschüssigen Verlauf des Straßenzugs.

Seit das Altstadtlabor die Interessen von Bürgern, Stadt, Wirten und den beiden städtischen Gesellschaften Entwicklungsgesellschaft (EWMG) und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFMG) bündelt, ist Gladbachs Partymeile im Gespräch. Allerdings anders als sonst: Es wird nicht mehr in erster Linie über Schlägereien, nächtliche Ruhestörung und Alkoholexzesse berichtet, sondern über die Chancen, wie sich die Altstadt wandeln kann.

Der Prozess ist im Gange und nimmt mittlerweile mächtig Fahrt auf. Das ist auch sichtbar: Eine giftgrün angestrichene Bauruine steht für die eingeleiteten Veränderungen. Im Blauen Haus trifft sich die alternative Szene. Und im Waldhaus 12 beratschlagen Experten von Altstadt-Initiative gemeinsam mit Stadt, Polizei und Hochschule Niederrhein, was alles schrittweise verbessert werden kann — ohne dass ein Millionenbetrag aus der leeren Stadtkasse vonnöten ist.

Zu einem Rundgang traf sich die RP jetzt mit den am Prozess beteiligten: Planungsdezernent Andreas Wurff ist bei der Stadt maßgeblicher Ansprechpartner, Martin Platzer hält bei der WFMG den engen Kontakt zu Initiativgruppen, Oliver Leonards repräsentiert die Gruppe der Altstadt-Wirte, Freimeister Johannes Jansen ist kreativer Kopf, Reinhold Schiffers (SPD) als Bezirksvorsteher und Herbert Pauls (CDU) als sein Stellvertreter sorgen für gute Kontakte zur Politik. "So einen engen Draht zwischen unterschiedlichen Interessengruppen gab es meines Wissens noch nie", sagt Schiffers.

Der erste Eindruck: Die Altstadt ist sauberer geworden. Der zweite: Einige Häuser sind in die Jahre gekommen und gammeln vor sich hin. Der dritte: Einige Geschäftslokale sind neu belegt. Der Raumausstatter, der hier seit langem ansässig ist, hat attraktive Gesellschaft bekommen durch eine Zigarren-Manufaktur. "Das sind die Geschäfte, die wir uns für eine funktionierende Altstadt vorstellen können", sagt Platzer. Die Stadt hat über ihre städtische Tochter EWMG mittlerweile bereits sechs Häuser in der Altstadt gekauft und will sie allmählich anders nutzen lassen.

Zum Beispiel durch Gastronomiebetriebe, die für den Abkehr vom Schmuddel-Image sorgen sollen. So gehört der EWMG eine ehemalige Kneipe unmittelbar vor dem erweiterten Straßenbereich, wo schöne, große Platanen im Sommer für ausreichend Schatten sorgen und eine wenig ansehnliche Toilettenanlage dringend verschwinden müsste. "Das wird sie auch. Hier kann ich mir vorstellen, dass wir einen großen Biergarten anlegen. Der Außenbereich liegt geschützt und hat Flair", sagt Gladbachs Chefplaner Wurff.

Während das aber noch Zukunftsmusik ist, hat sich im Offenen Atelier bereits eine Szene etabliert, die für eine positive Stimmung sorgt. Martin Müllner, ein 32-jähriger gelernter Fotograf, gehört zu den rund 50 Kreativen, die einem Verein angehören und die Räume nutzen. "Ich kam hier mal vorbei und habe durch das Fenster gesehen, wie jemand Gitarre spielte und andere an der Staffelei standen und malten. Da bin ich sofort reingegangen", erzählt Müllner. Er blieb. Und gehört mit zu den Künstlern, die auch im Blauen Haus aktiv sind.

Doch es sind nicht nur die Neuen, die für Leben in der Altstadt sorgen. Dazu gehören auch die Menschen, die hier oder an den Nachbarstraßen leben. Ihre Sorgen ernst zu nehmen, ihnen trotz aller Party ein akzeptables Umfeld zu bieten, das hat sich Johannes Jansen mit zur Aufgabe gemacht.

Der kreative Kopf der Freimeister ist derjenige, der im Alstadtlabor die sanften Veränderungsprozesse anstößt. Dank seiner Initiative gibt es inzwischen ausreichend neue Papierkörbe, wird die Straße häufiger gereinigt, ist der Kontakt zur Polizei enger und soll es demnächst eine bessere Beleuchtung geben. "Ich glaube an die Altstadt und ihr Potenzial. Aber wir dürfen den Menschen hier nichts überstülpen, sondern müssen sie bei dieser Entwicklung mitnehmen", sagt Jansen.

Dass dies funktioniert und sich wirtschaftlicher Erfolg einstellt, hat Oliver Leonards vom Restaurant Goldwasser erfahren. Als es vor einigen Monaten einen Mittagstisch anbot, waren die Betreiber skeptisch. Inzwischen hat sich dieser dank zahlreicher Stammgäste etabliert. Das Geschäft läuft, Goldwasser expandiert. Derzeit werden die oberen Stockwerke umgebaut, um hier Büroräume für seine Firma einzurichten. "Hier ist unsere Zukunft", sagt der Jung-Gastronom.

(RP/rl/jco)
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