Serie Gladbacher Lesebuch (23): Als M. Gladbach einer Geisterstadt glich

Serie Gladbacher Lesebuch (23): Als M. Gladbach einer Geisterstadt glich

In dieser Folge unseres Lesebuchs berichten drei Autoren über die zerstörte Stadt, einen britischen Soldaten und die Nachkriegsjahre.

Gladbach Meine Erinnerungen an den Krieg und die Bombenangriffe auf M. Gladbach waren Angst. Damals war ich ein Kind, heute gehöre ich zu den letzten Zeitzeugen. Die Lürriper Straße war damals mit Fahnen geschmückt. Am Güterbahnhof an der Breitenbachstraße wurden Militärzüge entladen. Soldaten mit Pferden und leichte Kettenfahrzeuge zogen mit Marschmusik über die Lürriper Straße in Richtung Niederlande. Frauen überreichten den Soldaten Blumen und kleine Geschenke. Die erste Bombe fiel am 12. Mai 1940 auf M. Gladbach. Ich war sechs Jahre alt und es war für mich eine Sensation. Bomben und Flaksplitter wurden gesucht und gesammelt.

Die brennende Gladbacher Oberstadt in den frühen Morgenstunden des 31. August 1943. Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach

Von 1940 bis 1942 gab es rund 300-mal Fliegeralarm und in manchen Nächten zwei oder dreimal. Wir mussten in den Keller, später in den Luftschutzbunker. Der Keller war feucht und mit kleinen Fichtenstämmchen abgestützt. Zwischen den Stützen standen Stühle. Im Keller gab es einen Durchbruch zum Keller des Nachbarhauses. Er war mit einem halben Stein zugemauert. Bei einem Brand konnte man dorthin flüchten. Fielen Bomben, schwankte und bebte das ganze Haus und Kalk rieselte von der Decke. Das Licht flackerte oder wenn der Strom ausfiel, wurden Kerzen angezündet. Die Bewohner beteten oder sangen Kirchenlieder. An der Ecke Lürriper Straße/Schlagerterstraße (heutige Erzbergerstraße) wurde ein Bunker gebaut. Durch die Ritzen der Bretterwand konnte man den Kriegsgefangenen bei der Arbeit zusehen.

Nach der Fertigstellung des Luftschutzbunkers bekam unsere Familie eine Zelle zugewiesen. Unser Vater war bei der Reichsbahn beschäftigt und wurde nach Lyck in Ostpreußen, die heutige Stadt Elk in Polen, versetzt. Somit entschloss sich auch meine Mutter für einen Umzug nach Ostpreußen. Eine glückliche Entscheidung, nur vier Tage vor dem schlimmsten Bombenangriff in der Nacht zum 31. August 1943, auf M. Gladbach und Rheydt. Beide Städte wurden fast völlig zerstört. Nach einem Jahr kam es zu einer Umquartierung von Lyck nach Altstadt in Westpreußen.

Nachdem sich die Ostfront weiter nach Westen verschob, begann die große Flucht mit Pferd und Leiterwagen. Unser Vater war vermisst und unser Hab und Gut bestand aus drei Koffern. In Dirschau verließen wir den Treck und ein Lazarettzug nahm Frauen mit Kindern mit in Richtung Danzig. Es war Januar 1945 und bitterkalt, die Güterwagen waren ohne Heizung und nur mit Stroh ausgelegt. Da in den Bahnhöfen das Eisenbahnpersonal geflohen war, wurde der Zug umgeleitet nach Berlin. Welch ein Zufall! Wir trafen unseren Papa. Unsere Eltern packten sofort die Koffer und starteten die nächste Umquartierung zu unseren Großeltern ins Sauerland. Dort erlebten wir das Kriegsende. Danach machten wir uns auf den Weg nach M. Gladbach, unserer Heimatstadt. Meine Eltern, meine Geschwister, ein Handwagen, beladen mit drei Koffern - so zogen wir zu Fuß, per Eisenbahn und per Lkw an den Rhein. In der Nähe von Worringen verließen wir eine Besatzungszone über eine Pontonbrücke und bekamen einen Passierschein. Über Neuss und Korschenbroich ging es nach M. Gladbach.

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Es war eine Geisterstadt und bestand nur aus Ruinen. Völlig zerstörte oder ausgebrannte Häuser, in den Straßen Schuttberge und Trümmer und nur die Spitzen von Gaslaternen waren erkennbar. Mein Vater hatte eine Wohnung gefunden, ein leerstehendes Haus ohne Fensterscheiben, ohne Türen und ohne Dachziegel. Auf jeder Etage lagen mehrere Stabbrandbomben, Blindgänger, die vorsichtig entfernt werden mussten. Unsere Mutter wurde von den Arbeiten der Trümmerfrauen befreit. Drei Kinder liefen hinter einen rauchenden, amerikanischen Soldaten her und warteten auf den Augenblick, in dem er die Kippe wegwarf. Wir sammelten den Tabak und beglückten so unsere Eltern.

Ein Kriegsheimkehrer stand weinend vor den Trümmern seines Hauses. Meine Eltern gaben ihm die Gelegenheit, sich zu waschen und zu rasieren und er bekam eine warme Suppe. Er bedankte sich und verlangte nach einem leeren Stück Papier. Es gab kein Schreibpapier und deshalb riss er von der Wand ein Stück Tapete, holte aus seinem zerlumpten Militärmantel ein kleines Tintenfässchen und einen Federhalter und schrieb in einer wunderschönen Kunstschrift: "Als es mir wohl erging auf Erden, wollten alle meine Freunde werden. Als ich aber kam in Not, da waren meine Freunde tot." Meine Eltern rahmten den Spruch. Er hing viele Jahre im Wohnzimmer.

Es war im Herbst 1945 oder 1946, auf jeden Fall aber noch unter der amerikanischen Besatzung. Unser Großvater hatte seinen Handwagen mit zwei oder drei Obstbäumchen beladen und zog über die Aachener Straße in Richtung Rheindahlen. Immer wieder verlor er seine Ladung. In Höhe des Holter Flugplatzes sichtete er im Straßengraben mehrere Telefonkabel. Der Unterschied zwischen dem Telefonkabel der Wehrmacht und dem amerikanischen Kabel war die Farbe. Er entschied sich kurz, schnitt aus einer Leitung mehrere Meter Kabel und band damit seine Ladung fest. Kurze Zeit später wurde er von der amerikanischen Militärpolizei festgenommen und vom Militärgericht in einem Gebäude neben der Kaiser-Friedrich-Halle wegen Sabotage zum Tode verurteilt. Er hatte das falsche Kabel durchtrennt. Einige Tage später, da unser Großvater keiner Partei angehörte, wurde das Urteil schließlich auf drei Wochen Arrest abgeändert.

(RP)