Mönchengladbach: Als Borussia vom Bökelberg in den Nordpark zog

Mönchengladbach : Als Borussia vom Bökelberg in den Nordpark zog

Aus feinster Wohnumgebung in eine Brache: Borussia wurde zum Magneten für den Nordpark. Andere Unternehmen siedeln sich dort an.

Wenn Stephan Schippers heute einem Gast in seinem Büro von Borussias neuem Bauprojekt erzählt, dann verraten Stimme und Augen seine Begeisterung. Bei einem Blick aus dem Fenster kann Borussias Geschäftsführer die Stelle sehen, wo demnächst der nächste bauliche Meilenstein in der Geschichte des Vereins entstehen soll.

Ein Vier-Sterne-Hotel mit 120 Betten und 20 Apartments. Mit einem Klub-Museum, erweitertem Fanshop und Rehazentrum. Der Neubau soll Borussia wirtschaftlich weiterentwickeln. "Unabhängig machen vom Ergebnis eines Bundesligaspiels" heißt in der Branche die Maxime. Einnahmen werden künftig noch stärker rund um den Fußball generiert, längst nicht mehr nur mit ihm. Den Grundstein, um an dieser generellen Verschiebung im Millionengeschäft Profifußball teilhaben zu können, legten die Borussen vor zehn Jahren. Mit dem Umzug vom altehrwürdigen Bökelberg in den Borussia-Park. Es war ein Schritt in eine neue sportliche Heimat, der auch die Stadt veränderte.

"Das Stadion war überlebenswichtig für uns. Wir wussten, dass wir ein neues Stadion brauchen, wenn wir in der Bundesliga mithalten wollen", sagte Präsident Rolf Königs. Der Bökelberg war Heimat. War Nostalgie. War Romantik. War ein Stadion. Aber großes Geld wird im neuen Jahrtausend nicht mehr in Stadien verdient, sondern in Arenen.

Diese Erkenntnis war auch in Mönchengladbach über Jahre gereift, allein der Weg zur Realisierung dauerte seine Zeit. Weil Ende der 1990er zunächst Wunschdenken dominierte und der damalige Manager Rolf Rüssmann Pläne vorlegte, um eine neue Arena für 300 Millionen D-Mark zu bauen. Erst später, mit Schippers und Königs als Protagonisten, wich dieses realitätsferne Wunschdenken einem Weg der realisierbaren Machbarkeit.

Heraus kam in nicht einmal zweijähriger Bauzeit der Borussia-Park. Knapp 87 Millionen Euro teuer. Für mehr als 50 000 Zuschauer. Aus der Enge der feinen Wohngegend um den Bökelberg ging es am 30. Juli 2004 zur Eröffnung hinaus in die frühere Brache des Nordparks. Drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Ins Areal, das bis 1996 von der britischen Rheinarmee genutzt worden war. Dorthin, wo Platz war. Wo man Platz schuf. Für Parkplätze. Für Trainingsplätze. Für die Ideen von morgen - wie die vom eigenen Hotel.

Borussias Umzug fungierte als Startschuss für den Nordpark. Das neue Stadion zog und zieht wie ein Magnet. "Arbeiten, wo andere Urlaub machen" heißt im Nordpark "Arbeiten, wo andere Fußball spielen". Nebenan wuchs das größte Hockeystadion Europas aus dem Boden, das längst auch große Bands und Solokünstler in die Stadt lockt. Neue Gewerbegebiete entstehen, Büro- und Dienstleister siedeln sich an, mehr als 2000 Arbeitsplätze wurden bereits geschaffen. Die im Zuge des Stadionbaus errichtete und sukzessiv erweiterte Infrastruktur auf dem über 165 Hektar großen Areal sowie die nahe A 61 machen den Standort für (Groß-)Unternehmen reizvoll. Die Santander-Gruppe zieht gerade ihren Neubau in Sichtweite zum Borussia-Park hoch - für stolze 1500 Mitarbeiter.

Auf Werbeschildern am Rand der Aachener Straße ist von "Global Playern" die Rede. Gladbachs Wirtschaftsförderer werben gerne und wuchern erfolgreich mit dem Pfund Nordpark. Einen "modernen Stadtteil" nennt die Wirtschaftsförderung die Nachbarschaft des Borussia-Parks. Die Vermarktung läuft gut. Mit günstigeren Quadratmeterpreisen als in Düsseldorf bringt man Unternehmen zum Überlegen, die noch vor Jahren wohl unbeirrbar einen Standort in der Landeshauptstadt favorisiert hätten.

Sport und Wirtschaft - im Nordpark sind sie zwei Seiten einer und derselben Medaille. Zwei Seiten, die sich befruchten. Borussia wird 2014 zum zweiten Mal in seiner Vereinsgeschichte die Schallmauer von 100 Millionen Euro in Sachen Umsatz durchbrechen. Die Kommerzialisierung des Fußballs macht auch vor Mönchengladbach nicht halt, aber der Verein scheint einen Weg gefunden zu haben, Nostalgie und Business zu verbinden. 2004 trugen die Fans den Mythos Borussia in einem Marsch in ihre neue Heimat. Eine Heimat, die noch immer Borussia-Park heißt. Und nicht "xy-Arena". "Wir haben gemerkt, dass unsere Fans den Namen Borussia-Park für das gesamte Areal sehr gut angenommen haben", sagt Schippers. Es ist ein Areal, das boomt. Wie Borussia. Und wegen Borussia.

(RP)