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Mönchengladbach: Aal-Leder, Laptoptasche und Birkenpech

Mönchengladbach : Aal-Leder, Laptoptasche und Birkenpech

Die Feinsattlerei Boos stellt für jeden das Passende her: Eine Lederhalterung für die Feuerlöscher der Feuerwehr, einen Unterarmschutz für einen Schweißer und einen speziellen Haltgurt für ein gehandicaptes Mädchen beim Reiten.

Besser nicht anfassen. Das Viertelmondmesser ist zwar schon gut 100 Jahre alt, schneidet aber wie der Teufel. Feinsattler Robert Blum hütet sein altes Werkzeug wie den Augapfel: "Ich arbeite mich damit mit einer halbrunden Bewegung durch das Leder nach vorne weg." Er nimmt noch so ein Schätzchen in die Hand, ein Halbmondmesser. "Sicher 200 Jahre alt. Der Schmied hat da sein Zeichen hinterlassen", deutet er auf die etwas undeutliche Punzierung. Dann gibt´s in der Werkstatt der Feinsattlerei an der Myllendonker Straße noch den Nachbau eines Messers aus dem 8. Jahrhundert, ohne Griff: "Die Funktionalität der Werkzeuge hat sich über die Jahrhunderte nicht verändert", so der 57-Jährige. In Betrieb hat Blum auch noch eine Handnähmaschine von 1950 und eine Ledernähmaschine von 1965.

Um seine Werkbank herum hat er alles griffbereit: ein geordnetes Chaos aus Punziereisen, um Muster oder Namen ins Leder zu prägen, Ahlen verschiedener Größen, Messer, dazu viele Lederstücke und -reste. Wobei es in dem Ladenlokal so gut wie keine Reste gibt. "Wir können alles verarbeiten", erklärt Susanne Boos, die das reine Ledergeschäft mit ihrem Lebensgefährten seit gut sechs Jahren betreibt, "was bei der Arbeit an einer Tasche abfällt, lässt sich auch noch zu manch andere Kleinlederware, wie einem Armband, machen."

Im Ladenlokal ist Leder in allen Farben, Verarbeitungs- und Produktarten ausgestellt. Von der Schürze für die Gartenarbeit mit praktischen Taschen und Schlaufen, über selbstentworfene Taschen für Laptops, Kappen, Bänder. Außerdem Scheiden und Griffe für Schwerter, Messer, Schlachtäxte. Freihändig oder geschnitten gepunzt, vernäht, geflochten, hell oder reparierte Lederprodukte mit schon deutlichen Gebrauchsspuren. Was auffällt: Es liegt nicht der angeblich typische Ledergeruch in der Luft. "Das liegt daran, dass wir ausschließlich Leder verarbeiten, das mit Naturstoffen wie Eichenrinde gegerbt wurde. Wir fahren zu den Herstellern in Deutschland und suchen die passenden Rinderhäute vor Ort aus." Was der Laie als Ledergeruch wahrnehme, sei in Wirklichkeit die Verbindung von Chemie und Leder: "Beispielsweise wird in neuen Autos ein Spray verwendet, damit sie ,nach Leder riechen'."

Die beiden Feinsattler mögen ihre Arbeit, "weil sie weitgehend ohne Maschine auskommt", so Robert Blum. "Und weil der Werkstoff Leder sich gut anfühlt, auch mit Nachhaltigkeit zu tun hat", ergänzt Susanne Boos, die ursprünglich Floristin gelernt hat. Teilweise färben sie selbst, probieren mit Naturfarbstoffen aus, bis sie den richtigen Farbton haben: "Man muss sich überraschen lassen."

In der Feinsattlerei liegen nicht nur Rinderhäute zur Verarbeitung. Mit verschmitztem Lächeln breitet Blum auch Anderes aus: "Wir nutzen auch Lachs- und Karpfenleder, Aal- und Forellenleder." Sogleich fügt er hinzu: "Das ist überhaupt nicht exotisch. In der Zeit nach dem Krieg wurden sogar die Treibriemen von Maschinen aus Fischleder gemacht." Im Angebot hat er auch die Haut von Huhn, Truthahn, Plattfisch und Frosch, von einem Straßenfuß samt Kniescheibe, oder die Haut eines Perlrochen: "Aus solch einem Leder haben wir einen Schlüsselanhänger gefertigt. Dem Kunden ging es dabei um die perlmuttartige Blesse in der Mitte des schwarzen Leders."

Dieser Wunsch hat die beiden Lederexperten ebenso wenig in Verlegenheit gebracht wie der Wunsch eines Oldtimerbesitzers. Der wollte für seinen Mercedes von 1930, von dem es in der Welt nur noch drei Exemplare gibt, spezielle Befestigungen für die Außenspiegel haben, die auf den Reserverädern festgezurrt werden. Hat er bekommen. Genauso wie den Männern von der Feuerwehr geholfen werden konnte: "Die wollten besondere Halterungen für die Feuerlöscher haben, die ihnen sonst während der Fahrt durch den Wagen geflogen sind", erinnert sich Robert Blum. Ein Schweißer habe eine Unterarmschütze aus dickem Leder, vernäht mit Fäden aus Kevlar, bekommen, damit er sich beim Schweißen über Kopf nicht versengt; ein Vater einen speziellen Haltegurt, um seine gehandicapte Tochter vor dem Sturz vom Pferd zu bewahren.

Die Kunden kommen aus ganz Deutschland. Sie wissen, dass dem Motto der Feinsattlerei: "Wir lassen uns gerne etwas einfallen", auch Taten folgen. Auf einem Tisch liegt ein kiloschweres Kettenhemd, auf das Robert Blum Schnallen näht. Etwa die Hälfte ihres Geschäfts machen Boos und Blum nämlich auf Mittelaltermärkten. Dabei produzieren sie möglichst detailgetreu. "Mittlerweile haben wir eine umfangreiche Bibliothek mit Fachbüchern über Accessoires aus Leder für die verschiedenen Epochen", so Blum. Ein befreundeter Schmied vom Niederrhein fertige dazu die passend echten Schnallen. So verfügen sie über ein Netzwerk, das ihre Arbeit und Angebot vervollständigt. Und sei es für einen Kunden, der in seiner Freizeit einen Leibgardisten Napoleons mimt. Auch ihm wurde mit der exakten Nachbildung einer besonderen Patronentasche geholfen.

Für alle anderen haben die beiden noch einen Pflegetipp parat. "Fett ist nie verkehrt". Robert Blum öffnet ein besonderes, kleines Döschen. Susanne Boos warnt: "Das ist Lederfett mit Birkenpech. Das macht Leder absolut wasserdicht. Besser mit Handschuhen auftragen. Sonst hat man noch tagelang den Geruch nach Lagerfeuer in der Nase."

(RP)