Mönchengladbach: 635 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt

Mönchengladbach : 635 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt

Es geschieht jeden Tag: Frauen werden von ihren Partnern geschlagen, bedroht und gedemütigt. 138 Frauen haben 2012 in der Frauenberatungsstelle von ihren gewalttätigen Partnern berichtet. Nun kommen auch immer häufiger ältere Opfer in die Beratungsstellen.

Rund ein Drittel aller Frauen, die in der Frauenberatungsstelle Hilfe suchen, sind Opfer häuslicher Gewalt. Sie werden geschlagen, bedroht und gedemütigt. Und das oft jahrelang. "Zu uns kommen in letzter Zeit auch häufiger ältere Frauen, die Angst von ihren Ehemännern haben, weil es regelmäßig zu gewalttätigen Übergriffen kommt", sagt Doris Ingenhag von der Beratungsstelle. Früher hätten sich diese Frauen das oft nicht getraut: Zu groß hätten sie den gesellschaftlichen Druck empfunden, zu sehr die Verantwortung für die Familie, zu stark die Abhängigkeit vom Mann.

138 Frauen haben im vergangenen Jahr in der Frauenberatungsstelle von ihren gewalttätigen Partnern berichtet. Sie wurden physisch und psychisch gequält, oft vergewaltigt. Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Frauen in Mönchengladbach, die Opfer ihrer prügelnden Partner sind. Die Dunkelziffer, so schätzen Experten, ist nach wie vor hoch. Doch es hat sich etwas getan.

Gewaltschutzgesetz greift

Das Gewaltschutzgesetz, vor zehn Jahren in Kraft getreten, habe viel bewegt — auch in Richtung Enttabuisierung. Seitdem schlagende Männer die heimische Wohnung verlassen müssen und nicht mehr die Opfer, hat "die Bagatellisierung von häuslicher Gewalt abgenommen ", sagt Doris Ingenhag. Früher hätten die Mitarbeiterinnen in der Beratungsstelle selbst von Polizisten schon mal den Satz gehört: "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich." Das komme heute nicht mehr vor. Weil das Problem ernst genommen werde, trauten sich auch immer mehr Frauen nach draußen zu gehen. So stieg die Zahl der so genannten Wegweisungen stetig. Wurden im Jahr 2000 in NRW noch 5000 gewalttätige Männer von der Polizei aus der Wohnung verwiesen, waren es im Jahr 2011 schon 12 067.

In Mönchengladbach gab es im vergangenen Jahr 635 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt, 119 Rückkehrverbote wurden ausgesprochen. 48 Opfer wurden an Beratungsstellen vermittelt. Die Frauen können entscheiden, ob die Polizei ihre Kontaktdaten an Hilfestellen weitergeben oder nicht. "Der überwiegende Teil der betroffenen Frauen kommt von sich aus zu uns, weil sie den seelischen Druck nicht mehr aushalten", sagt Doris Ingenhag.

Mehr Präventionsarbeit

Trotz des ermutigenden Trends gibt es immer noch viel zu tun, findet Silvia Henke von der Frauenberatungsstelle. Auch wenn mehr Frauen den Mut finden, ihre Peiniger anzuzeigen, so sei die Zahl der Verurteilungen doch verschwindend gering. Manchmal habe man das Gefühl, dass jeder Bußgeldbescheid wegen zu schnellen Fahrens konsequenter bestraft werde, als Fälle von häuslicher Gewalt.

Auch in der Prävention müsste nach Ansicht der Frauen etwas geschehen. Silvia Henke: "Wir hatten hier eine Frau sitzen, die berichtete uns, dass sie als kleines Kind jede Nacht Panik hatte und nicht einschlafen konnte, weil sie befürchtete, der Papa schlage die Mama tot." Die seelische Belastung hätte so tief gesessen, dass die Frau sich Jahre später in psychologische Behandlung geben musste. "Ich glaube, man könnte sehr viel Geld sparen, wenn man in Präventionsarbeit investiert", sagt Silvia Henke. Doch dafür fehlt das Geld.

Trotz steigender Fallzahlen geben es keine zusätzlichen Fördermittel. Auch in der Beratungsarbeit könnte mehr Frauen geholfen werden, wenn es eine zusätzliche Stelle gäbe. "Zwei Beraterinnen mehr und wir wären immer noch ausgelastet", sagt Silvia Henke. Doris Ingenhag pflichtet ihr bei: "Bei akuten Fällen von häuslicher Gewalt helfen wir schnell, aber bei Langzeitberatungen müssen wir jetzt schon häufig vertrösten, weil alles ausgebucht ist. Und dabei haben wir noch viel mehr Aufgaben."

(RP)
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