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Mönchengladbach: 1989: Nirvanas erstes Deutschland-Konzert

Mönchengladbach : 1989: Nirvanas erstes Deutschland-Konzert

Am 7. November 1989 spielte die Gruppe um Sänger Kurt Cobain erstmals in der Bundesrepublik - im Mönchengladbacher Club "B52". Damals kannte die Grunge-Band, die wenig später Rock-Geschichte schreiben sollte, noch kaum jemand. Eine Spurensuche.

Es gibt im Internet einen Mitschnitt, irgendwer hat das einmal bei Youtube hochgeladen. 32 Minuten, 37 Sekunden. Und der erste Song ist "Polly". "Polly wants a cracker", singt Kurt Cobain, diesen gewaltig verstörenden Song. Oder die Stimme, die klingt wie die von Kurt Cobain. Denn wer genau sagt einem eigentlich, dass das tatsächlich Nirvana sind, die da spielen, und Kurt Cobain, der singt, und zwar im "B52"? Jürgen Labuhn sagt das. Er sagt: "Das hört sich verdammt danach an." Und er muss es wissen.

Labuhn ist 48 Jahre, er führt ein IT-Unternehmen in Pongs, und er hat eine Sekretärin, die wissen möchte, ob sie ihm schon mal ausrichten könne, um was es gehe. Also erklärt man umständlich, man wolle lediglich erfragen, ob er zufällig der Jürgen Labuhn ist, der einst Nirvana nach Gladbach holte. Sie sagt: "Ich frage nach. Welche Band noch gleich?" Man landet in der Warteschleife. Jürgen Labuhn meldet sich und, ja, er ist es.

Das Cover der bekanntesten Nirvana-CD "Nevermind", auf dem auch ihr größter Hit, "Smells like teen spirit", zu finden war. Foto: Nirvana

Von 1989 bis 1991 unterhielt Labuhn das "B52" an der Lürriper Straße, es gab einen Kicker, einen Billardtisch, ein kleines Café und einen Konzertraum für 150 Zuschauer. Am Wochenende wurde gefeiert. Freitags gab es Punk, "die Samstage waren gemächlicher", sagt Labuhn. An einem Dienstag kamen Nirvana, es war der 7. November. Der Fiat-Zehnsitzer parkte vor dem Club, Kurt Cobain stieg aus, aber interessiert hat das eigentlich niemanden.

Nirvana waren damals mit Tad auf Europa-Tour, einer Band, die hauptsächlich wegen ihres korpulenten Sängers in Erinnerung blieb. Die Musiker flogen aus Seattle zunächst nach London, in England überschrieben die Veranstalter die Konzertplakate mit dem Slogan: "Heavier than heaven". Was weniger mit Kurt Cobains bedeutungsschweren Texten zu tun hatte, als vielmehr damit, dass Sänger Tad Doyle kugelrund gewesen sein muss. Nach 13 Tourtagen und einem Auftritt in Amsterdam kamen die Bands nach Deutschland, genauer gesagt: nach Gladbach. Nirvana zum ersten Mal.

70 Besucher verirrten sich in den Club, schätzt Jürgen Labuhn, andere wollen nur 20 gezählt haben. Womöglich waren es 45, so genau kann das heute keiner mehr sagen. Viele waren es jedenfalls nicht. Nirvana spielten "Polly", später "About a girl". Den Hit ihres erst im Juni erschienenen Debütalbums "Bleach". Nirvana mussten als erstes ran.

"Sie waren entweder phänomenal oder ziemlich fürchterlich", soll der damalige Tourmanager einmal über die Europa-Konzerte gesagt haben. "Es war ein sensationelles Konzert", sagt Jürgen Labuhn. "Aber Tad waren eindeutig besser."

"Ein Hammer-Konzert" hat Suzana Bradaric erlebt. Sie stand direkt vor der Bühne, erzählt sie, "direkt vor Kurt". Den Namen spricht sie so schön deutsch aus, dass sich Kurt auf Gurt reimt. Bradaric studierte '89 Linguistik in Düsseldorf, sie kam aus Gladbach, hörte Velvet Underground und Sonic Youth. Auf dem Konzertplakat stand: "For vegetarians only". Nur für Vegetarier. Bradaric aß kein Fleisch. Da musste sie hin. Nirvana kannte sie nicht. "Die waren richtig gut aufeinander eingespielt", erinnert sich die 45-Jährige, die heute in Hamburg lebt.

Nach ihrem Auftritt saßen die US-Musiker von Bradaric unbeachtet an der Bar. "Die meisten Leute waren wegen dieser Tad-Band da", erzählt sie, "das war ein ziemlich dicker Typ. Dass um Nirvana einmal so ein Wahnsinns-Hype entsteht, war mir nicht klar."

Es gibt einen schönen Satz, den alle sagen, wenn man fragt, wie das damals war. Und der geht so: "Ich wusste nicht, dass das einmal wichtig wird." Bradaric sagt das, Jürgen Labuhn sagt das. "Erst später wurde mir die Bedeutung klar", sagt Manfred Grasse, der heute das "Projekt 42" leitet.

Darum endet die Sojaschnitzeljagd um ein paar Erinnerungen zuweilen in Sackgassen. Eine Gladbacherin, die heute in Mexiko lebt, meldet sich nicht zurück. Zu den Gladbachern, bei denen Nirvana in jener Nacht pennten, gibt es kein Durchkommen. Die Band schlief seinerzeit in Rheydt.

Fest steht: Das Konzert war eine der unauffälligeren Nirvana-Shows. Keine Eskapaden, keine gebrochenen Knochen. Natürlich möchte jeder gerne bei einem der Konzerte dabei gewesen sein, bei denen Kurt Cobain seine Gitarre zerschlug. Wie vier Tage später in Berlin. Andererseits, wer kann das schon von sich behaupten: Ich war bei Nirvana in Mönchengladbach, und es war ganz okay.

Zumal man Zweifel hegen darf an der Sache mit den kaputten Gitarren. Denn viel verdienten die Bands damals nicht. Wovon soll der Mann ständig neue Gitarren gekauft haben? "Wenn mit einer Tour keine Verluste gemacht wurden, war das gut", sagt Rembert Stiewe.

Stiewe gründete 1984 "Glitterhouse Records". Das Label aus Lauenförde kooperierte mit Sup Pop, der amerikanischen Plattenfirma, bei der Tad und Nirvana unter Vertrag waren. Stiewe veröffentliche Tad-Scheiben in Europa. Nirvana nie. Aber er kennt wunderbare Geschichten von früher, zum Beispiel die aus London, als Kurt Cobain mit vielen anderen in seinem Hotelzimmer saß und die Erdnüsse aus der Minibar aß. Stiewe musste dafür später zahlen.

"Wer damals schon das Potenzial dieser Band erkannt haben möchte, der lügt", sagt Rembert Stiewe. "Nirvana waren so unbekannt wie jede andere unbekannte Band auch." Jürgen Labuhn sagt: "Wäre das anders gewesen, wären sie sicher nicht nach Gladbach gekommen."

Heute sind Nirvana Legenden, und Kurt Cobain ist die Lichtgestalt immer neuer Generationen Pop-Sozialisierter. "Er war sehr still", sagt Jürgen Labuhn. Auch Rembert Stiewe hat Cobain als eher reservierten Jungen in Erinnerung. Schlagzeuger Chad Channing, der später durch Dave Grohl ersetzt werden sollte, war aufgeweckter. War damals schon zu ahnen, wie tragisch Kurt Cobains Leben einmal enden würde? Rembert Stiewe glaubt das nicht. "Vieles wird im Nachhinein verklärt."

Am 5. April 1994 nahm sich Kurt Cobain mit 27 Jahren in Seattle das Leben. Vier Jahre und 149 Tage, nachdem ihn Mönchengladbach fast übersehen hatte, stand die Welt für einen Augenblick still. Im Hintergrund lief weiter leise "Polly". Und später "About a girl".

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(RP)