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Mönchengladbach: 1987: IRA-Bombenanschlag auf das HQ

Mönchengladbach : 1987: IRA-Bombenanschlag auf das HQ

Im März detonierte vor einer Offiziersmesse der Briten eine Autobombe. Was geheim gehalten wurde: Es gab einen zweiten Sprengsatz.

Generalmajor Hans Hoster, damals Stabschef der Nato-Armeegruppe Nord, hatte gerade das Glas auf das Wohl von zwei Obersten gehoben, als eine gewaltige Explosion das Gebäude erschütterte. Am Himmel zuckte eine riesige Stichflamme. In einem Offiziers-Casino des Hauptquartiers flog ein Aquarium quer durch den Raum, Scheiben zerbarsten, Türen sprangen aus den Rahmen, und Deckenteile fielen hinab. Einige Schrecksekunden später krochen blutüberströmte Menschen unter den Tischen in Clubraum und Personalzimmer des Casinos hervor.

Eigentlich sollte der Abend des 23. März 1987 für 40 Menschen eine fröhliche Ausstandsfeier für zwei Offiziere bei Steaks und Wein werden. Auf dem Schwarzen Brett war das Fest als "Northag-Dinner" angekündigt worden. Offenbar glaubten die Terroristen, dass es sich um eine Veranstaltung für hohe Nato-Offiziere handelte.

Nach dem Anschlag auf das HQ, zu dem sich kurze Zeit später die Irisch-Republikanische Armee (IRA) bekennen sollte, gab es 36 Verletzte, darunter drei Schwerverletzte, und zwei Millionen Mark Sachschaden. Nach Einschätzung der Polizei hatte die Bombe eine Sprengkraft von 100 Kilogramm TNT. "Am schwersten erwischt hatte es mich", sagt Hans Hoster (80), "weil ich bei der Detonation vor einem Fenster gestanden und eine Rede gehalten hatte. Ich hatte zwei Metallsplitter im Nacken und sechs Glassplitter im Rücken. Eines der hässlich gezackten, etwa ein Euro großen Metallstücke steckte kurz vor der Hauptschlagader."

Vor der Tür, dort, wo der Sprengsatz explodierte, waren alle Autos demoliert. Manche waren zu Schrottklumpen verformt - nur noch an den Felgen als Fahrzeug zu erkennen. Auf einem zweiten, 20 Meter abseits gelegenen Parkplatz gähnte ein eineinhalb Meter tiefer Krater, in dem die Trümmer des völlig auseinandergerissenen Autos lagen.

Dass es keine Toten gab, war ein kleines Wunder. Hätte sich die Druckwelle stärker am Boden ausgebreitet, hätte es mit Sicherheit anders ausgesehen, erklärte die Bundesanwaltschaft damals. "Und wäre der zweite deponierte Sprengsatz hochgegangen, wäre es noch schlimmer geworden", sagt Peter Hubert Roßkamp, damals Oberkommissar und im 14. Kommissariat tätig, der Abteilung, die sich heute Staatsschutz nennt. Damals durften Roßkamp und Kollegen nicht über diese zweite Bombe reden. "Die Bevölkerung sollte nicht zu sehr in Panik geraten", sagt der heute 73-jährige Pensionär. Der Anschlag im HQ war nicht der erste im Land von der IRA. Und es war auch nicht der erste in Mönchengladbach. Fünf waren in der Vitusstadt vorangegangen, drei im Hauptquartier, einer am Reme-Gelände, ein weiterer galt einem US-Sendemast auf Gladbacher Gelände.

"Wir hatten Angst, dass der Terror von der Insel zu uns rüber schwappt", sagt Roßkamp. So waren damals nicht nur Kriminalisten und Schutzpolizisten im Hauptquartier im Einsatz. Das Bombenattentat beschäftigte auch das Landes- und das Bundeskriminalamt sowie die deutschen und britischen Geheimdienste.

Hubert Roßkamp kann sich noch genau an das Auto mit dem Münchener Kennzeichen und dem zweiten Sprengsatz erinnern. "Es war ein BMW, und wir hatten ihn niemanden zuordnen können, das machte ihn verdächtig", berichtet er. Roßkamp, ausgebildet als Scharfschütze und Sprengmeister, war mit beauftragt, das Auto zu untersuchen. Tatsächlich fanden die Ermittler zwei große Taschen in dem Wagen. "Bewegen durften wir sie nicht. Es hätte sich ja um Bomben mit Verlagerungszündern handeln können", berichtet Roßkamp, "also haben wir die Taschen leicht angeschnitten. Sofort haben wir gerochen: Die Taschen sind prall gefüllt mit in Benzin getränktem Sprengstoff." Mit einem Roboter wurde der Zünder schließlich entschärft. "Wäre der Sprengsatz hochgegangen, hätte es eine regelrechte Brandwalze gegeben", sagt der heute 73-Jährige.

Nach dem Bombenanschlag auf das HQ wurden die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verschärft. Waren die Eingangskontrollen vorher eher lasch, kam jetzt niemand mehr ohne Ausweis herein, "alle, die auf dem Militärgelände parkten, mussten an ihren Autos die Fenster geschlossen halten, damit nichts hineingeworfen werden konnte", weiß Roßkamp. "Jede Cola-Dose auf dem Boden löste Alarm aus, weil sie seinerzeit in Irland zu Sprengstofffallen umgerüstet wurden. Wer dagegen trat, löste eine Explosion aus", berichtet der Pensionär. Auf den Straßen und an den Autobahnen gab es Fahrzeugkontrollen. "Wer herausgewinkt wurde, sah sich plötzlich etliche Beamten mit Maschinenpistolen gegenüber", berichtet Roßkamp.

Im August 1987 wurden zwei mutmaßliche IRA-Mitglieder von einem Zöllner gestellt, als sie in der Nähe von Waldfeucht in einem geliehenen Auto die grüne Grenze zu den Niederlanden überqueren wollten. Im Wagen hatten sie ein ganzes Waffenarsenal. Drei Jahre nach dem Attentat standen die mutmaßlichen Täter vor Gericht. Doch das Bombenattentat in Mönchengladbach konnte man ihnen nicht eindeutig nachweisen.

(RP)