Mettmann: Zwei Chöre - eine gewaltige Aufgabe

Mettmann : Zwei Chöre - eine gewaltige Aufgabe

Beim Gemeinschaftskonzert ist die Matthäuspassion zu hören. Das Veranstaltungsbudget beträgt 18 000 Euro.

Als das nächste große musikalische Ereignis in der Stadt wirft die Matthäuspassion ihren Schlagschatten voraus. 50 Mettmanner der Kantorei und des Vokalensembles, sowie die Sänger des Haaner Kirchenchores bilden das Fundament des knapp dreistündigen Gemeinschaftskonzerts. Unterstützt werden sie von 20 Stimmen des hiesigen Kinderchores, die wortgewaltiges Wehklagen vorbringen. Von den vier Solisten sind zwei, Sopranistin Constanze Backes und Bassist Thomas Busch, waschechte Mettmanner. Die Spielkunst handverlesener Instrumentalisten soll sie zur vollen Entfaltung bringen.

Das Budget der Aufführungen, eine weitere wird in Haan folgen, von rund 18 000 Euro lässt sich mit einem Mittelklassewagen aufwiegen. Kantorin Roselies Evang, die sich die Gesamtleitung mit ihrem Haaner Kollegen Gerhard Tributh teilt, sagt klar aus: "Unser Förderverein für Kirchenmusik hat die gesamte finanzielle Verantwortung. Insofern ist er eine wirklich unverzichtbare Größe." Abgesehen von der geldlichen Investition, sei auch die musikalische und organisatorische Umsetzung keinesfalls selbstverständlich: "Für zwei Kleinstadt-Kirchengemeinden und einer ganzen Menge von Menschen mit unterschiedlichen Begabungen ist es schon eine gewaltige Herausforderung."

Die doppelchörige Komposition stand seit zehn Jahren auf der Wunschliste der Kantoreimitglieder, berichtet Evang: "Ich habe erst ein bisschen gebremst und meinte, dass es alle Möglichkeiten sprengt." Schon der Kirchenraum war äußerst begrenzt. Eine Aufstellung mit je zwei Chören und Orchestern schien für Evang undenkbar: "Doch dieses Werk ist für die Kirche geschrieben und gehört in die Kirche." Durch den Umbau war mehr Platz geschaffen. Ebenso wurde die Akustik der Kirche für konzertante Aufführungen verbessert, die durch zusätzliches Volumen nun mehr Hall bietet.

Andreas von Pavel leitet das seit dem Jahr 2010 existierende Bergische Barockorchester und schaffte in nur einem halben Jahr, die Besetzung für dessen Mettmanner Premiere zu verdoppeln: "Die Stammbesetzung sind zwölf Musiker. Im Prinzip sind wir ein lockerer Haufen. Es war nicht einfach, neue Leute zusammenzubringen. Aber jetzt sind wir spielfertig. Im Bergischen Land gibt es viele gute Musiker."

Sie spielen nach der historischen Aufführungspraxis auf Kopien von Instrumenten, wie Bach sie gekannt hat. Der Gesamtklang wird dadurch ein anderer als der eines modernen Orchesters. Gleichwohl akustischen und visuellen Genuss versprechen besonders Raritäten wie die Theorbe, eine Laute mit zwei Meter langem Hals, oder die hornkrumme Oboe da Caccia. Die Vorsitzende des Fördervereins Edith Frank singt im Chor als Sopranistin mit: "Viele von uns kannten die Matthäuspassion schon oder haben sie sogar an anderen Orten gesungen. Für mich war sie neu. Aber an sich ging das Lernen relativ flott."

Im Werkvergleich erweist sich die Matthäuspassion als eingängiges Stück, das sich trotz vitaler Bassstimmen und bizarrer Tenorlinien leicht verständlich gibt. Bach selbst hielt es für die Krone seines Schaffens. Mithin gilt es als bekanntestes Stück Kirchenmusik und trotzdem gehört dies tonale UNESCO-Weltkulturerbe nicht mehr zum allgemeinen Bildungskanon. Obgleich der intensiven Probenarbeit, soll das Konzert tontechnisch nicht aufgenommen werden, findet Evang: "Die Musik ist ein flüchtiges Medium. Das ist es, was uns berührt." Orchesterleiter von Pavel stimmt ihr zu und Sängerin Edith Frank schafft einen plastischen Abstand zwischen Konzerterlebnis und Musikkonserve: "Das ist wie der Unterschied zwischen einem frischen Steak und Corned Beef."

(lard)
Mehr von RP ONLINE