„Wir Landwirte sind ziemlich enttäuscht“

Kreis Mettmann : „Wir Landwirte sind ziemlich enttäuscht“

Frust herrscht in dem Wirtschaftszweig, der einst große Achtung genoss: Zur Dürre kommen Imageprobleme.

Der Frust sitzt tief. Zur Ernte-Pressekonferenz hatte die Kreisbauernschaft nach Wülfrath geladen. Doch Thema waren nicht allein die Feldfrüchte und ihre Vermarktung: Der Termin bot den Anwesenden auch Gelegenheit, ihrem Ärger Luft zu machen. „Es wird auf den Landwirt von allen Seiten eingedroschen. Er wird als Buhmann dargestellt“ – so stellt sich die Lage für Josef Aschenbroich dar.

Der Langenfelder Landwirt ist stellvertretender Vorsitzender der Kreisbauernschaft Mettmann. Er ist erster Ansprechpartner, wenn ein Berufskollege in existenzielle Nöte gerät. Und das ist immer häufiger der Fall: Mussten in besseren Zeiten jährlich lediglich zwei bis drei Prozent aller Landwirte aufgeben, so sind es mittlerweile vier bis fünf Prozent. Bei Milchviehbetrieben sind es sogar bis zu zehn Prozent, erläutert Martin Dahlmann, Vorsitzender der Kreisbauernschaft. Zwei Stunden Pressegespräch reichten da gerade mal aus, um die wichtigsten Punkte zu streifen – eine seit zwei Jahren andauernde Dürre, die Diskussion um Glyphosat, zunehmende Reglementierungen wie beispielsweise durch die Düngemittelverordnung, der über Natur- und Tierschützer wachsende Rechtfertigungsdruck für einen einst hoch angesehenen Wirtschaftszweig und eine Marktlage, in der sich der lokal, höchstens regional agierende Bauer weltweiter Konkurrenz ausgeliefert sieht.

Neu hinzu kommt nun der Flächendruck: Die laufende Änderung des Regionalplans, der zufolge zusätzliche Wohnflächen im Speckgürtel rund um Düsseldorf erschlossen werden sollen, betrifft auch die Landwirte. 80 Prozent der Flächen, die ein Bauer in der Region nutzt, sind gepachtet, klärt Dahlmann auf. Die Eigentümer aber erzielen höhere Rendite, wenn sie ihren Grund und Boden als Wohnbau- oder Erwartungsland verkaufen. Zugleich müssen für jeden bebauten Hektar Ausgleichsflächen geschaffen werden. Auch sie gehen für die Landwirtschaft verloren. „Geht der Flächenverbrauch, wie er sich in den letzten 26 Jahren im Kreis Mettmann darstellt, so weiter, dann gibt es ab 2080 keine landwirtschaftlichen Flächen mehr“, gibt der Wülfrather Kreislandwirt Bernd Kneer zu bedenken. Längst machen seine erwachsenen Kinder daher bei der Protestaktion „Grüne Kreuze“ mit, bei der Landwirte grün angemalte Holzkreuze in ihre Felder pflocken, um ein Mahnzeichen gegen das Höfesterben zu setzen. Eines davon steht auf einem Feld der Kneers am Zwingenberger Weg in Wülfrath. Die Stimmung bei den Kollegen sei derzeit nicht besonders gut. „Wir Landwirte sind ziemlich enttäuscht“, sagt Kneer.

Martin Dahlmann und Josef Aschenbroich. Foto: Köhlen, Stephan (teph)

Wer da durchhalten will, muss Ideen entwickeln. Regionale Vermarktung ist eine gute. Der Langenfelder Landwirt Josef Aschenbroich hat eine weitere: Soja. Den baut er – nicht genmanipuliert, wie er versichert – als Futtermittel für seine 15.000 Hühner an. Der Klimawandel macht’s möglich, die wärmeliebende Pflanze fühlt sich seit einiger Zeit auch in Langenfeld wohl. Und während Aschenbroich das erzählt, ist ihm immer noch ein Befremden anzumerken: Solche Klimakapriolen, die hat es früher nicht gegeben.

Jetzt, im September, wird die Wintergerste ausgesät. Sie braucht Wasser, um zu keimen, als kleines Pflänzchen zu überwintern und im Frühjahr gänzlich auszutreiben. „Jetzt muss es regnen“, sagen die Landwirte – und berichten zugleich, dass es wegen der steigenden Temperaturen keine Winterruhe mehr gibt. Die Folge: Die Pflanzen wachsen auch in den vermeintlich kalten Monaten und ziehen Schädlinge an. Im letzten Februar, so berichtet Dahlmann, habe er in einer Falle seines Rapsfeldes auf Größe eines Din A4-Blattes 300 Käfer gezählt. So viele wie nie.

„Das sind Fakten, die einem zu denken geben. Mitte Februar auf die Felder fahren und spritzen, das will kein Mensch.“

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