Früher gab’s mehr Lametta : Der Überraschungs-Weihnachtsbaum

Erlebnisse in der Kindheit: Die Tage vor Heilig Abend im Jahr 1962 im Wittgensteiner Land.

Es gibt Rituale, die sind ganz wichtig an Weihnachten: der Kirchgang, die Bescherung, das Essen an Heiligabend, das Familientreffen am 1. Weihnachtsfeiertag und eben der Weihnachtsbaum.

Die einen kaufen ihn immer (!) eine Woche vorher, die anderen warten bis auf den letzten Drücker, in der Hoffnung, den Baum zum Schnäppchenpreis zu ergattern. Es gibt sogenannte Events um den Weihnachtsbaumkauf: Ein Treffen mit Freunden, gemeinsames Aussuchen und Kaufen; meist ist Glühwein im Spiel. Viel Glühwein. Oder man schlägt seinen Weihnachtsbaum selbst. Ein Erlebnis für die ganze Familie. Einige nutzen Weihnachtsbaumkulturen vor der Haustüre oder fahren sogar ins Sauerland. Und dann der Baumschmuck: Als Dekoration dienen meist Lichterketten, Kerzen, Glaskugeln, Lametta, Engels- oder andere Figuren. Lametta war in den 50er und 60er Jahren „in“. Das Abschmücken war bei uns eine Tortur. Die Silberfäden mussten ordentlich in die Papierschachtel gelegt werden. In den 70er Jahren kamen die Strohsterne. Alternativ eben, wie die Zeit. Ich fand sie nichtssagend und hässlich.

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 Apropos Baum: Der Trend zur Nordmanntanne ist unverkennbar. Stefan Hasenkämper aus Remlinghausen bei Meschede verkauft seit vielen Jahren Weihnachtsbäume auf Gut Aue. „Die Kunden kommen mit ganz konkreten Vorstellungen: Sie wissen, wie hoch der Baum sein darf und wie er auszusehen hat.“ Ein Kunde, so erzählt er, wollte einen Baum mit 2,30 Höhe und 2,20 Meter Durchmesser – also mehr einen Weihnachtsbaum-Busch. „Er schmückt den Baum mit kleinen LED-Lichtern und dann braucht er viel Platz“, erzählt Hasenkämper und lacht.

Bis Ende der 1950er Jahre hatten die Deutschen fast ausschließlich Rotfichten als Weihnachtsbaum in der Wohnung stehen. Bei uns im Wittgensteiner Land stellte uns Onkel Herrmann (fast) immer den Weihnachtsbaum zur Verfügung. Er hatte als Waldbauer eine kleine Fichtenschonung gepachtet. Es waren nicht immer die schlanksten und geradesten Bäume. Oft hatten sie Schlagseite oder waren auf einer Seite ziemlich ausgedünnt. Doch wir hatten keine Wahl.

Und wer erinnert sich noch daran: Rotfichten hatten die Angewohnheit, nach drei Tagen zu rieseln. Spätestens nach einer Woche sahen sie aus wie gerupfte Hühner. In den 1960er Jahren bis in die Mitte der 1970er Jahre bevorzugten die Deutschen die dichter wachsende Blaufichte, ab Anfang der 1980er Jahre die Nordmann-Tanne. Dieser Baum wächst relativ gleichmäßig, hat weiche Nadeln und eine vergleichsweise hohe Nadelhaltbarkeit. Im Gegensatz zu Fichten und vielen anderen Tannenarten (z. B. Nobilis) ist die Nordmanntanne jedoch nahezu geruchlos.

Kommen wir auf Onkel Herrmann zurück: Im Jahr 1962 (ich war acht, mein Bruder 17 Jahre) war Onkel Herrmann erkrankt und wir mussten den Weihnachtsbaum selbst besorgen. Kaufen? Im Wittgensteiner Land, der waldreichsten Gegend in ganz NRW, wo der Wald noch bis zur Haustüre reicht? Ich glaube, niemand hat damals in Laasphe einen Weihnachtsbaum gekauft. Es gab auch niemanden, der Weihnachtsbäume verkaufte. Man „holte“ sich seinen Weihnachtsbaum im Wald. Gesagt, getan. Zuhause wurde nichts erzählt. Es sollte eine Überraschung werden – und es wurde eine Überraschung.

In der Dämmerung zogen mein Bruder und ich, „bewaffnet“ mit einer Axt und einer Säge in den Wald. Nach kurzer Zeit hatten wir den Baum unserer Wahl gefunden. Das „Schlagen“ oder Fällen des Baums war kein Problem. Den Baum am langen Arm zogen wir nach Hause. Plötzlich kam uns eine Gestalt entgegen. „Na, wo kommt ihr denn her“, ertönte eine sonore Stimme. Wir erstarrten. Der Mann, der uns entgegen kam, war der Revierförster. Offenbar befand er sich auf einem Kontrollgang oder ging zur Jagd. Wir kannten ihn und er kannte uns. Erwischt! Die Situation war eindeutig – lügen zwecklos. Man geht ja nicht mit einer Fichte spazieren. Der Förster ließ Gnade vor Recht ergehen. „Morgen kommt euer Vater zu mir und bezahlt den Baum“, sagte er und ging davon. Die Stimmung war im Keller. Bedröppelt gingen wir weiter, überlegend, wie wir die Sache beichten sollten. Na ja, es gab ein kleines Donnerwetter – doch mein Vater bezahlte den Baum mit einer guten Flasche Wein. Wir Jungs haben jedenfalls nie wieder einen Baum aus dem Wald „geholt“. Doch bei meinen späteren Streifzügen durch die Fichtenschonungen habe ich immer wieder einen Baum taxiert und gedacht, der eignet sich gut als Weihnachtsbaum. Das ist übrigens heute noch so, wenn ich junge Tannen oder Fichten sehe. Das Erlebnis mit dem Förster von damals war halt prägend.