An(-Ge)dacht: Verschütteten Wegen nachträumen

An(-Ge)dacht : Verschütteten Wegen nachträumen

Gib's auf! – das ist der Titel einer kleinen Geschichte von Franz Kafka: "Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken...ließ mich im Wege unsicher werde...Glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann". - "Gib´s auf, gib´s auf", sagte er..."

Ähneln wir nicht in manchem diesem Mann, der seinen Weg sucht? Auch wir sind auf dem Weg, dem Weg durch unser Leben, in dem wir uns eingerichtet haben, das so klar vor uns ausgebreitet scheint. Wir rackern und ackern, wollen allen Anforderungen gerecht werden – in unserer immer komplizierteren Welt. Wir wähnen uns auf dem richtigen Weg, wähnen uns glücklich, mit uns selber im Reinen. Und dann begegnet uns plötzlich ein Mensch, der so ganz anders lebt als wir: der gelassen ist und Zeit hat, der ganz intensiv zuhören kann und uns auf Wesentliches aufmerksam macht. Ein solcher Mensch kann dann "unser Blick zur Turmuhr" werden, wird uns zur Anfrage an unseren Weg: Ist er eigentlich lebenswert, lässt er uns wirklich glücklich sein, mit uns selber eins? Wie froh sind wir dann über jeden, der uns Wegweise geben kann.

Den Christen tritt im Advent ein solcher Mensch entgegen, der schon in seiner Zeit zur Anfrage – und zur Wegmarkierung wurde: Johannes der Täufer. Ein Mann – nicht einzuordnen, ungewöhnlich. Und er steckte an mit seiner Botschaft, lockt die selbstzufriedenen Jerusalemer hinunter an den Jordan. Er spricht mit der Leidenschaft der Propheten, die die Menschen zu einer ursprünglichen Sehnsucht nach Einssein, nach Heil wachrütteln wollten. Johannes ruft wie sie: "Erstickt diese Sehnsucht nicht mit Leistungsdruck, Tüchtigkeit, Wohlstand! Bleibt wach für eure Seele! Kehrt um!". Es ist die Einladung, ein Leben des Scheins abzuwerfen, und zu fragen, wer wir wirklich sind und woraus wir wirklich leben.

"Fang an, den verschütteten Wegen nach zu träumen, die du nie gegangen bist; hab Mut, zu überlegen, wie dein Leben aussähe, wenn du es noch einmal ganz von vorn beginnen könntest: Jetzt, mit der Erfahrung von heute, wie würdest du leben mögen? Wage zu denken, was du nie zu denken wagtest! Wage zu tun, was du niemals sein dürftest, aber was doch als Bestimmung in dir liegt!"

Hier scheint für mich eine Chance zu liegen in diesem Advent: Sich im Innersten klar zu werden, wovon wir wirklich leben (können). Und: dies scheint mir eine bessere Antwort auf die Frage nach unserem Weg zum Heil-werden zu sein als das "Gib´s auf!" des Schutzmanns aus Kafkas Geschichte. Fangen wir an, zugedecktes Leben freizuschaufeln, neue Wege zu gehen. Und kein "Gib´s auf!" sollte uns daran hindern!

Pfarrvikar Gregor Schulte , St. Pfarrgemeinde Lambertus, Mettmann

(RP)