Marcus Kowalczyk: "Unternehmen müssen mehr ausbilden"

Marcus Kowalczyk : "Unternehmen müssen mehr ausbilden"

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Mettmann zu Stadt, Jugendarbeitslosigkeit und den Gymnasien.

Sie sind seit gut zwei Monaten in Mettmann. Wie gefällt Ihnen die Stadt?

Kowalczyk Ich kenne die Stadt bereits sehr lange, denn hier gibt es das Bildungszentrum der Bundesagentur für Arbeit, das ich während meiner Ausbildung und Fortbildung immer wieder besucht habe.

Und die Stadt. Wie gefällt sie Ihnen?

Kowalczyk Von damals kenne ich hauptsächlich die Stadt Mettmann. Den gesamten Kreis lerne ich gerade Stadt für Stadt kennen.

Was ist gegenüber ihrer vorigen Station Recklinghausen das Besondere an dem Kreis Mettmann, der jetzt berufliche Heimat für Sie ist?

Kowalczyk In Recklinghausen hatte ich auch zehn Städte im Agenturbezirk, genauso wie hier im Kreis. Zehn Städte sind natürlich da wie hier sehr unterschiedlich. Darauf muss ich eingehen. Es gibt reichere Städte und weniger wohlhabende. Das sind unterschiedliche Herausforderungen.

Was ist ihr wichtigstes Thema für ihre Arbeit in Mettmann?

Kowalczyk Ganz klar die Jugendarbeitslosigkeit. Es gibt sie mehr oder weniger in allen Städten.

Das Thema Jugendarbeitslosigkeit gibt es schon lange. Warum jetzt? Oder jetzt wieder?

Kowalzcyk Wenn wir es nicht schaffen, Jugendliche in ihrem Berufseinstieg zu begleiten, ist deren Lebenslauf von Anfang an holprig. Eine gute Ausbildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Davor, dass er oder sie sich möglichst nicht bei uns melden muss.

Was muss sich ändern?

Kowalczyk Die Unternehmen im gesamten Kreis und auch darüber hinaus müssen noch mehr ausbilden. Sie müssen enkelfähig werden, wie es so schön heißt. Es ist bedauerlich, dass die Ausbildungsquote im Kreis zurückgegangen ist.

Das hat welche Folgen?

Kowalczyk Viele Jugendliche suchen sich außerhalb des Kreises Lehr- und später Arbeitsstellen. Die sind dann oft dauerhaft für uns verloren. Dabei brauchen die hiesigen Unternehmen gut ausgebildete Kräfte immer dringlicher. Der Fachkräftemangel steht ja in einigen Branchen auf der Tagesordnung.

Viele Unternehmen haben das aber noch nicht so auf ihrem Radar?

Kowalczyk Das stimmt. Einige warten noch immer darauf, wie das Jahr mit Aufträgen läuft, um sich dann zu entscheiden, ob man noch einen Auszubildenden nimmt. Das ist nicht weitsichtig. Die künftigen Fachkräfte brauchen wir dringend und wir müssen sie heute ausbilden. Es werden in den nächsten Jahren viele Ältere in den Ruhestand gehen, die wir ersetzen müssen.

Sie haben für das Thema doch starke Partner an der Seite: IHK, Handwerkskammer, Gewerkschaften. Warum fruchtet es noch zu wenig. Ist der Leidensdruck noch nicht hoch genug?

Kowalczyk Das könnte sein. Die großen Unternehmen kümmern sich ums Thema. Die haben wegen ihrer Größe auch weniger Probleme. Vor allem für mittlere und kleine Betriebe wird es zunehmend schwierig. Immerhin sind das 90 Prozent aller Unternehmen im Kreis Mettmann.

Was tun sie als Agentur für Arbeit konkret?

Kowalczyk Wir gehen direkt in die Betriebe und sprechen mit den Menschen. Wir schauen, was das Unternehmen braucht, welche Voraussetzungen da sind und wie wir ihnen am besten zur Seite stehen können. Dann empfehlen wir mögliche Azubi-Kandidaten.

Das hat den Vorteil, dass sie einen tiefen Einblick in die Mettmanner Unternehmen bekommen.

Kowalczyk Ja. Wir lernen da noch besser, was die Firmen brauchen und wo sie sich unterstützt fühlen können.

Das ändert nicht die Situation der möglichen Lehrlinge. Viele halten die heutigen Schüler oft für nicht qualifiziert und attestieren auch schon mal mangelhaftes Sozialverhalten.

Kowalczyk Grundsätzlich gilt: Eine Ausbildung ist eine Art Lebensversicherung für das Berufsleben. Und auch Schüler mit Defiziten müssen fit für den Berufsweg gemacht werden. Schlechte Noten, Sprachprobleme, Familienumfeld, manche brauchen Hilfen. Wenn ein Arbeitgeber einen Schüler mit der Note 5 in Mathematik einstellt, können wir zum Beispiel von Ausbildungsbeginn an Nachhilfeunterricht bezahlen. Oder wir können bei Umfeldproblemen auch eine sozialpädagogische Kraft beauftragen, dem Jugendlichen zu helfen.

Wo liegt dann das Problem?

Kowalczyk Viele Jugendliche warten zu lange, sie wollen es erst mal ohne versuchen. Wenn die Probleme dann nach einiger Zeit massiv werden, wird die Hilfe natürlich schwieriger und umfassender.

Wie sind denn die Erfahrungen, die sie damit haben?

Kowalczyk Viele weniger gut qualifizierte Jugendliche finden so den Weg in die Ausbildung. Zum Beispiel bei großen Unternehmen außerhalb des Kreises. Dort gehen Jungen und Mädchen in eine einjährige Berufsvorbereitung mit dem Ziel, anschließend die Ausbildung beginnen zu können. Bei rund 70 Prozent ist es nach einem Jahr so, dass sie direkt ins zweite Ausbildungsjahr wechseln, weil das alles sehr gut klappte.

Früher war sie sehr groß: Wie hoch ist die Ratlosigkeit heute bei jungen Menschen bei der Berufswahl?

Kowalczyk Noch immer gibt es viel Unsicherheit. Aber wir können heute viel direkter und gezielter helfen. Wir sind ja bereits frühzeitig in den Schulen und beraten.

Wie stehen die Schulen dazu'?

Kowalczyk Sehr offen und sehr kooperativ. Nur bei manchen Gymnasien würde ich mir noch mehr Problembewusstsein wünschen.

Warum?

Kowalczyk Das Gymnasium führt für viele zum Abitur. Doch es verlassen auch etliche die Schule in den Klassen neun und zehn. Die brauchen Ausbildungsberatung und dort könnten die Gymnasien noch sensibler für unsere Angebote werden.

UWE REIMANN FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)
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