Mettmann: Streit: Naturschützer uneins über Kahlschlag

Mettmann : Streit: Naturschützer uneins über Kahlschlag

Viele protestieren gegen die jüngsten Baumfällungen im Neandertal. Einige Artenschützer dagegen sehen Vorteile für Tiere und Pflanzen.

Specht oder Zauneidechse? Schmetterlinge oder Buchenwald? Kröten oder Waschbären? Seit dem Kahlschlag im Neandertal ist die Debatte um den Artenschutz entbrannt. Geführt wird sie keineswegs nur dort, wo sich Wirtschaft und Naturschutz gegenüberstehen. Mittlerweile wird die Diskussion auch unter Naturschützern selbst ausgetragen. Was sich wo ansiedeln darf und sollte: Darüber sind sich längst nicht alle Artenschützer einig.

Die Auseinandersetzung kommt daher wie ein Streit auf Noahs Arche. Jeder hat sein Tier oder seine Pflanze im Kopf, verfolgt seinen Plan, bemüht eigene Gutachten. "Nicht jeder Wald ist gut für die Natur", sieht beispielsweise Armin Dahl von der Haaner Arbeitsgemeinschaft Natur und Umwelt (Agnu) die Fällungen im Neandertal aus einem anderen Blickwinkel als die dort engagierte Faunistisch-Floristische Arbeitsgemeinschaft (FauFlo). Deren Gründungsmitglied Manfred Henf dürfte ein solches Statement aus den eigenen Reihen nicht gefallen haben. Nach 30 Jahren Engagement für die Natur hat er die Brocken kürzlich hingeworfen, zermürbt vom ewigen Ringen um Flora und Fauna. Seine schonungslose Bilanz wirft ein Licht auf die Grabenkämpfe, die nach wie vor inmitten von Umweltausschüssen und Gremien ausgetragen werden.

Kröten könnten Gewinner der Fällaktion sein. Foto: dj

Henfs abrupter und verbitterter Abgang hat unter Mitstreitern für Wirbel gesorgt. Viele springen ihm bei, wie beispielsweise Landschaftspfleger Detlef Regulski. "Ehrenamtliche Tätigkeiten führen allenfalls dazu, dass Politik und Verwaltung aus dem Bereich der Verantwortung entlassen werden. Dabei sind sie sehr wohl in der Pflicht, Maßnahmen zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zu ergreifen und umzusetzen", äußert sich der Uhu-Experte kritisch zur Verlagerung umweltpolitischer Verantwortung ins Ehrenamt.

Uhus finden bessere Lebensbedingungen vor, meinen manche. Foto: privat

Aber was ist los inmitten derjenigen, die an einem gemeinsamen Strang ziehen wollen? Warum ergeht man sich unter Naturschützern auch zunehmend öffentlich in gegenseitiger Selbstzerfleischung? In der Sache tut sich der ehrenamtliche Naturschutz damit womöglich keinen Gefallen, da man offenbar immer häufiger als "zerstrittener Haufen" wahrgenommen wird, dem nur schwer beizukommen ist.

"Die Ornithologen wollen die Bäume stehen lassen. Für die Kröten sollen sie gefällt werden, um möglichst viele Freiflächen zu schaffen", sagt beispielsweise Regiobahnchef Friedhelm Korn über die Naturschutzdebatte, die sich entlang der Trassenverlängerung nach Wuppertal entwickelt hat. Das Unternehmen hat — wie in solchen Fällen üblich — ein Planungsbüro mit der Suche nach Lösungen beauftragt. Die sind häufig nur schwer zu finden, ohne irgendjemanden vor den Kopf zu stoßen.

Eine Ursache für das Hin und Her zwischen Wald und sonnigen Schotterflächen scheint auch darin zu liegen, dass in den vergangenen Jahren der behördliche Naturschutz vor allem die Anpflanzung von Bäumen vorangetrieben hat. "Das war die bequemste Möglichkeit, einen Ausgleich für Flächenverbrauch zu leisten", so der Leiter der Unteren Landschaftsbehörde, Klaus Adolphy. Das heißt: Wer einen Baum gefällt hat, musste dafür fünf neue anpflanzen.

Der sich so immer stärker ausbreitende Wald ist nun aber vielen Naturschützern mit der Vorliebe für Echsen und Kröten, aber auch vielen Landwirten ein Dorn im Auge. "Wir sind dazu übergegangen, auch so genannte Offenlandbiotope zu fördern", sagt Adolphy zum bereits erfolgten Perspektivenwechsel der Behörde. Die Folgen sind absehbar: Es wird — so wie im Neandertal geschehen — vermutlich weitere Streitigkeiten und Grabenkämpfe geben. Und eine Lösung scheint bislang nicht in Sicht zu sein.

(RP)
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