Tennis-Ass Wilhelm Bungert vollendet das 80. Lebensjahr

Tennis-Ass wird 80 : Wimbledon-Finalist Bungert ist ein Familienmensch

1967 stand Wilhelm Bungert im Finale des Grand-Slam-Turniers in London. Am Montag, 1. April, feiert er seinen 80. Geburtstag.

Der Händedruck zur Begrüßung ist kräftig wie immer, die Augen funkeln: Nach einem Krankenhausaufenthalt ist Wilhelm Bungert zwar noch etwas geschwächt, wirkt aber quietschfidel – und freut sich auf Montag. Denn am 1. April 2019 vollendet der Wimbledon-Finalist von 1967 das 80. Lebensjahr. Den runden Geburtstag will er im kleinen Familienkreis mit Ehefrau Birgit, Tochter Nicole und den Enkelkindern feiern. „Wenn es mir besser geht, machen wir im Sommer vielleicht noch eine große Party“, kündigt er an.

Als Wilhelm Bungert 1967 das Wimbledon-Endspiel erreichte, fieberte ganz Deutschland mit. In jener Zeit war der Wettbewerb eine reine Angelegenheit von Tennis-Amateuren – Profis blieb die Teilnahme an Grand-Slam-Turnieren verwehrt. Den Erfolg schmälerte das keineswegs, denn der Deutsche schaffte als ungesetzter Spieler den Einzug ins Finale – nach 27 Sätzen in sechs Partien. Sein Gegner: John Newcombe, Australier, fünf Jahre jünger und die Nummer drei der Setzliste. Zum ganz großen Coup reichte die Kraft nicht mehr, letztlich musste sich Bungert in drei Sätzen mit 3:6, 1:6 und 1:6 geschlagen geben. In Erinnerung geblieben ist die Begegnung mit dem Duke und der Duchess of Kent bei der Siegerehrung. „Ich hatte mir extra überlegt, was ich auf Englisch sage – und dann spricht die Duchess plötzlich Deutsch mit mir“, erzählt er. Für den Vizetitel gab es eine kleine Medaille und einen Scheck über 30 englische Pfund (seinerzeit 300 Mark wert) für ein Sportgeschäft am Picadilly. Ertragreicher war die Wette mit einem Freund aus Mannheim. Der hatte ein Radiogeschäft und stellte ein Fernsehgerät für den Einzug ins Endspiel in Aussicht. „Als ich ins Finale gekommen bin, habe ich ihn nach Wimbledon eingeladen“, berichtet Bungert. Und bei der Rückkehr nach Deutschland gab es den Fernseher. „Damals kam gerade das Farbfernsehen auf“, sagt Bungert und ergänzt mit leuchtenden Augen: „Das war eine schöne Zeit – die möchte ich nicht missen.“

Unzertrennlich: Wilhelm Bungert mit Tochter Nicole im Juni 1972. Foto: imago images / WEREK/via www.imago-images.de

Überragend war zudem der Empfang in der Heimat. Die Menschenmenge am Bahnhof in Hochdahl, als es im offenen Wagen zur Ehrenrunde ging, ist unvergessen. Dort lebte der Wimbledon-Finalist am Strücker Weg. Tennisbegeisterte Anwohner tauften ihn damals kurzerhand in Wilhelm-Bungert-Weg um, berichten Zeitgenossen. Ganz in der Nähe hatte auch der TC Hochdahl seine Heimstätte. Bungert war Mitbegründer des Tennisvereins an der Johannesberger Straße, der sich vor einigen Jahren aus unterschiedlichen Gründen auflöste. „Heute liegt das Gelände brach“, weiß Bungert, den es in jungen Jahren aus beruflichen Gründen nach Hochdahl zog.

Nach seiner Rückkehr aus London freute sich Bungert über den herzlichen Empfang in Hochdahl. Foto: ullstein bild

Ursprünglich hatte der gebürtige Mannheimer andere Pläne. „Mein Vater hatte ein Baugeschäft, das der Großvater 1880 gegründet hatte, und ich sollte es übernehmen.“ Deshalb absolvierte Bungert eine Maurerlehre, arbeitete auf dem Bau und studierte Architektur. Dann entschied er sich aber für die Tennis-Karriere. „Mein Vater hat mich enorm unterstützt und viel reingesteckt in der Hoffnung, dass ich etwas erreiche. Damals kostete eine Trainerstunde sechs Mark.“ Mit Anfang 20 machte sich Bungert selbstständig, kaufte einen Sportartikelhandel an der Sandheider Straße in Hochdahl. „Das war ein ganz kleines Ding mit einer Fläche von 80 Quadratmetern.“ Weshalb ausgerechnet der Umzug ins Rheinland? „Da wohnten viele Menschen – die Chance war größer, Geschäfte zu machen.“

Bungert bot 1967 in Wimbledon eine konzentrierte Leistung. Foto: dpa

Zu den führenden Marken in seinem Sortiment zählten Dunlop und Adidas. Nach der ersten Kontaktaufnahme intensivierte sich gerade mit der Firma aus Herzogenaurach die Zusammenarbeit. „Ich habe den ersten Tennisschuh von Adidas mit kreiert“, berichtet Wilhelm Bungert nicht ohne Stolz. Adolf Dassler, den alle nur den „Chef“ nannten, sagte eines Tages: „Wilhelm, ich habe einen Schuh gemacht. Du musst testen, ob der gut ist.“ Bungerts erster Eindruck war nicht der beste: „Ich bin auf die Schnauze gefallen.“ Immer wieder besserte „der Chef“ die Einzelpaare nach. „Ich habe seinerzeit in Herzogenaurach gewohnt und wir haben oft zusammen gefrühstückt und darüber gesprochen. Das war für mich eine tolle Erfahrung – ich war für ihn fast wie ein Sohn, seine Kinder waren ja mehr oder weniger in meinem Alter“, plaudert Bungert aus dem Nähkästchen.

Ein persönliches Schlüsselerlebnis war für Wilhelm Bungert zudem die Weltmeisterschaft im Eiskunstlauf, die 1964 in der Dortmunder Westfalenhalle über die Bühne ging und bei der sich Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler die Krone aufsetzten. Der Tennissportler schaute sich den Wettkampf an. Vor Ort war auch ein Geschwisterpaar. Der junge Mann sprach Bungert an: „Könnte ich ein Foto von Ihnen mit meiner Schwester machen?“ Für Bungert kein Problem. „Ich habe sie in den Arm genommen“, erzählt er. Schon da muss wohl der Funke übergesprungen sein. Am nächsten Tag musste der Sportler zu einem Turnier nach Paris reisen, aber direkt nach der Rückkehr telefonierte er mit der jungen Frau namens Birgit – seit 53 Jahren sind sie inzwischen ein Ehepaar.

Das Familienglück vollkommen machte die Geburt von Tochter Nicole, die im August 1967 zur Welt kam. Vielleicht auch ein Grund, weshalb Wilhelm Bungert seinerzeit in Wimbledon so toll aufspielte. In jedem Fall steht in einem ITF-Kurzporträt aus jener Zeit unter „personal interest“ notiert: Nicole. Noch heute sind Vater und Tochter ein Herz und eine Seele. Längst hat sie als Geschäftsführerin die Geschicke der Bungert Tennis- und Golf-Ranch übernommen, die auf einem Gelände am Hildener Autobahnkreuz beheimatet ist. Als Kind reiste sie mit ihren Eltern um die Welt. „Ich habe noch ein Bild von ihr, als sie in Flushing Meadow auf meiner Tennistasche sitzt. Auf dem Platz dahinter haben wir gespielt“, erzählt Bungert mit einem Schmunzeln. „Auch für sie waren das tolle Erlebnisse, aber leider war die Zeit so schnell vorbei, weil sie in die Schule musste.“

Die vielen „schönen Reisen“ waren für Bungert übrigens der wesentliche Grund, weshalb er sich für die Tenniskarriere entschied. „Damals hatte ich so gut wie kein Geld und es war die einzige Chance, die Welt zu sehen. Ich habe tolle Reisen gemacht, die ich nicht missen möchte“, betont er. Und welchen unerfüllten Wunsch hat er im Rückblick? Nach einem kurzen Moment sagt Wilhelm Bungert lächelnd: „Die Zeiten von früher und die Preisgelder von heute.“ Eine Vision, die sich wohl nicht verwirklichen lässt – das weiß auch der Wimbledon-Finalist von 1967.

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