Tag der Wahrheit: Nordsee – ich komme

RP-Serie Ein Selbstversuch im Fitness-Studio (IV) : Tag der Wahrheit: Nordsee – ich komme

Die monatelange Vorbereitung ist fast vorbei und der 31. Dezember ein wichtiges Datum – mit dem Silvesterlauf über zehn Kilometer.

Die Zeit rast irgendwie. Ist es nicht erst gestern gewesen, als ich mich habe überreden lassen? Gefühlt ja. Aber der Blick in den Kalender zeigt, dass alles im Frühjahr beginnt – vor mehr als sechs Monaten. Da wird meine „Läuferkarriere“ geboren – nach einem Gespräch mit Kim Steinigans, meinem Trainer im Sportpark Landwehr. Das Zauberwort: Herzfrequenzgesteuertes Ausdauer-Training. Seit diesem Tag laufe ich mit Brustgurt und Klein-Computer am Handgelenk, um am Ende des Jahres wieder vernünftig zehn Kilometer am Stück zu schaffen. Den 31. Dezember habe ich mit einem knalligen Rot im Kalender angestrichen. Dann werde ich meinen persönlichen Silvesterlauf in Angriff nehmen. Es fühlt sich gerade an wie ein Traum, der in Erfüllung geht. Mein Trainer hat Pech: Er kann nicht dabei sein, denn das Rennen findet 850 Kilometer entfernt in Dänemark statt. Ich werde ihn aber über alles informieren.

Der Terminkalender in dieser zu Ende gehenden Woche ist mal wieder so voll, dass ich ins Straucheln gerate – und fast vergesse, dass ich mit meinem Zahnarzt verabredet bin. Zahnreinigung und Routine-Kontrolle dauern ungefähr eine Stunde. Weil ich da ziemlich bewegungslos auf einem Behandlungsstuhl sitze und nichts reden kann, denke ich über meine Laufstrecke nach. Start ist an unserem Ferienhaus in einem kleinen Dorf an der Nordsee. Später will ich den kleinen Anstieg zum Strand nehmen und dann scharf links auf den Deich abbiegen. Den haben sie da vor ein paar Jahren neu und glatt asphaltiert. Ab hier kann ich ungefähr zweieinhalb Kilometer geradeaus einplanen. Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken geweckt: „Herr Deutzmann, ist alles in Ordnung?“ Die zahnmedizinische Fachhelferin (ich hoffe sehr, dass die Bezeichnung so stimmt) ist mit ihrer Arbeit gut vorangekommen, weil ich den Mund fast mühelos geöffnet halte.

Am Ende des Deichs, vom dem aus ich rechts das Meer sehen kann, werde ich mich entscheiden: Zurück? Könnte passen mit zweimal fünf Kilometern. Oder laufe ich ein Stück weiter geradeaus zum Hafen, der am Fjord liegt? Wie ich mich fühlen werde, weiß ich: Es wird großartig. Vermutlich ist es kalt. Definitiv wird es viel mehr Spaß machen als die sture Einhaltung von Grenzwerten und Intervallen auf dem Laufband. Dieser Satz ist noch einmal für meinen Trainer gedacht: Ich weiß, ohne diese Disziplin wäre ich nicht so weit gekommen. Jahaaa. Grundlagen-Ausdauer muss sein. Was sie bewirkt, zeigt am Donnerstag das jüngste und vorerst letzte Intervall-Training in Deutschland. Es dauert eine Stunde und macht mir Mut. Kim sieht das so: „Ich würde mal sagen, nach dem Ziel ist vor dem Ziel. Ich würde mal behaupten, ein Teilziel ist erreicht.“

Mein Training bis zum Tag der Wahrheit werde ich konsequent fortführen. Auf dem Programm steht zuerst ein weiterer mittellanger Lauf über 45 Minuten, den ich vom Samstag auf den Sonntag schieben muss. Ich kann nicht gleichzeitig im Auto sitzen und trainieren. Tut mir leid, Kim! Es folgt ein lockeres Joggen über 30 Minuten an Heiligabend und am zweiten Weihnachtsfeiertag ein Intervall über 40 Minuten. Ganz ehrlich: Hat da jemand in den Kalender geschaut? Ich staune: Anschließend sind drei Tage frei, bevor es allmählich ernst wird. Am 30. Dezember darf ich mir einen mittellangen Lauf von 35 Minuten genehmigen. Dann ist es so weit: 31. Dezember 2018, zehn Kilometer.

Zwei Dinge stehen fest: Ich werde es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in weniger als einer Stunde schaffen – was ganz am Anfang meine echt kühne Idee war. Inzwischen habe ich mir einen internen Zuschlag genehmigt. Wie viel? Die Auflösung folgt im Januar. Ich will ja die zehn Kilometer „nur“ vernünftig schaffen. Und Vernunft wird schließlich gerne verstanden als die „geistige Fähigkeit, Einsichten zu gewinnen und sich in seinem Handeln danach zu richten“.

Was ich noch nicht gewusst habe: In Skandinavien scheinen die Menschen bisweilen einen eigenartigen Humor zu besitzen. Die Technik, die mich in den vergangenen Monaten so fürsorglich betreut und viele meiner Schritte überwacht, liegt dabei nicht etwa am Polar-Kreis, wie der Name vermuten lassen könnte. Sitz der Hersteller-Firma ist Oulu, immerhin die nördlichste Großstadt der Europäischen Union. Die Finnen haben sich eine Software ausgedacht, die mir nach jeder Lauf-Einheit meist donnernden Applaus spendet. Ich habe eben kurz durchs Schlüsselloch für den 31. Dezember geschaut: „Dies ist der Tag deines Wettkampfs. Genieße deinen Lauf und vergiss nicht, dich anschließend zu belohnen.“ Liebe Leute dort: Es ist Silvester!!! Ihr könnt davon ausgehen, dass ich meinen Lauf nach dieser langen Vorbereitung genießen werde. In vollen Zügen sogar. Und ganz, ganz, ganz bestimmt werde ich nicht vergessen, mich anschließend zu belohnen. Auch das ziehe ich durch. Versprochen.