SSV Erkrath erinnert sich an Toni Turek

Fußball: SSV Erkrath feiert sein 100-Jähriges

Der „Dorfverein“ ist sich seiner Wurzeln bewusst, punktet mit familiärer Atmosphäre und dem Toni-Turek-Stadion. Der (noch unerfüllte) Wunsch zum Jubiläum: Ein Freundschaftsspiel gegen das Bundesliga-Team von Fortuna Düsseldorf.

Das gleißende Flutlicht ist abends schon weitem zu sehen. Vom Parkplatz führt ein Weg unter Bäumen zu den Funktionsgebäuden des Toni-Turek-Stadions an der Freiheitstraße. Das Sportzentrum in Alt-Erkrath ist benannt nach einem Großen der Fußball-Zunft: Toni Turek stand in der Elf von Sepp Herberger, die 1954 überraschend den Weltmeistertitel holte. Torhüter Turek avancierte zu einem der „Helden von Bern“ – in seiner legendären Radio-Reportage formulierte Herbert Zimmernann: „Turek, du bist ein Teufelskerl. Toni, du bist ein Fußballgott.“ Auch die Stadt Erkrath durfte sich in diesem Glanz sonnen, denn etwa 30 Jahre lang lebte Turek mit seiner Familie an der Parkstraße. Auch deswegen kam es am 17. August 1954 zu einem besonderen Spiel zu Ehren des Weltmeisters: Eine aus Fußballern des SSV Erkrath und des SC Unterbach formierte Mannschaft trat gegen Fortuna Düsseldorf an, für deren Oberliga-Team der legendäre Torhüter unter anderem in der Saison 1954/55 auflief. Für diesen besonderen Abend wechselte Turek jedoch die Seiten, stand vor über 2000 Zuschauern im Kasten der Gastgeber. Zur Pause lag das Erkrather Team mit 0:4 zurück, hielt dank Verstärkung in der zweiten Halbzeit die Niederlage mit 3:5 aber noch in Grenzen.

65 Jahre sind seither ins Land gegangen. Die Erinnerung an Turek, der 1984 im Alter von 64 Jahren starb und seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof Lindenheide in Mettmann fand, lebt weiter. Toni Turek kam 1919 auf die Welt, im gleichen Jahr gründete sich der SSV Erkrath, der jetzt die 100 voll macht. Auch im Jubiläumsjahr übt sich der Verein jedoch in Bescheidenheit. Die Feiern zum runden Geburtstag sollen den finanziellen Rahmen nicht sprengen. „Wir haben schon seit längerem jeden Monat etwas Geld zurückgelegt“, berichtet Geschäftsführer Hajo Fritsch beim Pressegespräch im Vereinsheim, das in seiner Größe eher an ein Wohnzimmer erinnert, rustikal-schlicht möbliert ist und damit zugleich familiär wirkt. Attribute, die auch auf den SSV zu münzen sind, der sein Image als „Dorfklub“ genießt. „Wir sind immer noch ein Familienverein, gehen auf die einzelnen Leute ein und haben ein offenes Ohr für die Spieler“, sagt Fritsch. Wer als Fußballer viel Geld verdienen will, wird in Erkrath sicher nicht heimisch. „Wir haben keinen finanziellen Druck und keinen Neidfaktor“, bringt der Geschäftsführer die Vorteile des sparsamen Wirtschaftens auf den Punkt.

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Leistung bringen die Fußballer des SSV Erkrath dennoch – oder gerade deswegen? Im vergangenen Sommer gelang der umjubelte Aufstieg in die Kreisliga A. „Das sind gerade Jungs, die schon länger bei uns spielen. Die meisten sind seit mindestens vier Jahren bei uns, weil sie sich wohlfühlen. Wir haben keine Fluktuation wie andere Vereine“, sagt Fritsch. Gleichwohl hat der Vorstand kein leichtes Arbeiten. „Wir haben ein Strukturproblem, weil die Vereinsdichte rund um Alt-Erkrath sehr groß ist“, erläutert Guido Plessa und zählt Klubs wie den SC Unterbach, SC Rhenania Hochdahl, TuS Gerresheim und Sportfreunde Gerresheim auf. Plessa war bereits von 2008 bis 2011 Vorsitzender und führt seit 2016 erneut die Amtsgeschäfte. Sein Vorgänger Holger Johan ist inzwischen für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und legte sein Herzblut in die Jubiläumsschrift, die einen Rückblick auf die vergangenen 100 Jahre gibt.

250 Mitglieder zählt der SSV Erkrath aktuell, rund die Hälfte machen Kinder und Jugendliche aus. Zu seinen besten Zeiten hielten rund 500 Mitglieder dem Klub die Treue. In jener Zeit gab es auch noch Handball und Tischtennis unter dem Dach des SSV. Die Handballer schlossen sich irgendwann dem TuS Erkrath an, die Tischtennis-Abteilung löste sich in den 90er Jahren auf. Nun liegt der Fokus also ganz auf dem Fußball. In der Jugend ist der Klub breit aufgestellt, allerdings schaffte in den vergangenen Jahren kein Team den Sprung in die Leistungsklasse. Dabei setzt der Verein auf eine gute Ausbildung seiner Trainer. Mindestens die C-Lizenz soll es sein, „die der Verein auch finanziert“, so Hajo Fritsch. Ein Weg, der solide scheint und den Familienklub vielleicht doch ans Ziel bringt. „Für einen Dorfverein haben wir hier gute Voraussetzungen“, betont Plessa mit Blick auf das Toni-Turek-Stadion. Den Naturrasen gibt es schon seit mehr als 40 Jahren. 2008 ersetzte die Stadt den Asche-Platz durch einen Kunstrasen. Und vielleicht erfüllt sich im Jubiläumsjahr auch noch der Traum vom Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten Fortuna Düsseldorf. Verdient hätten es die Erkrather allemal – allein schon wegen Toni Turek.

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