Körper und Geist im Einklang

' Reportage: Der Kyudo-Verein Neandertal pflegt das traditionelle japanische Bogenschießen.Die Schützen begrüßen mit jedem Schuss das neue Jahr, verbinden Sport mit Ehrfurcht und Etikette.

Gespannte Stille. Wie in Zeitlupe heben die Schützen die schlanken Bögen und spannen mit einer fließenden Bewegung die Sehne. Am Punkt der äußersten Anspannung halten sie einen Moment inne. Dann schnellen die Sehnen schnalzend zurück. Die Pfeile lösen sich und finden schnurgerade ihren Weg ins Ziel am anderen Ende der Halle. Die Schützen verbeugen sich und treten ab, um der nächsten Phalanx Platz zu machen, die sich breitbeinig in Position bringt. Nur das leise Schlurfen der weißen Socken ähnlichen Schläppchen auf dem Boden der Sporthalle des Gymnasiums am Neandertal ist zu hören.

Aufmerksamkeit auf das Mato

Konzentration spiegelt sich auf den Gesichtern. Die Gedanken der Sportler scheinen ganz auf den nächsten Schuss fixiert. "Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf das Mato, das Ziel", erklärt Kieko Petermann-Shibata. Die zierliche Japanerin und ihre Kollegen vom Kyudo-Verein Neandertal begrüßen mit jedem Schuss das neue Jahr. Nach japanischer Tradition ist es das des Tigers. "Da ich im Tiger-Jahr geboren bin, ist es mein Jahr", erklärt die Erkratherin und lächelt.

Als sie nach dem lackschwarzen Bogen greift, ist ihr Gesicht wieder ernst. Sie verbeugt sich in Richtung des Mato, nimmt dann seitlich dazu Aufstellung und führt den Federschaft des Pfeils mit der Sehne zusammen. Ihr Blick wirkt nach innen gewandt, so als spüre sie bewusst jeder Regung ihres Körpers. Bedächtig hebt sie den Bogen und spannt die Sehne, bis ihre Arme über dem Kopf ein Dreieck formen. Sie visiert die schwarz-weiße Scheibe an. Ihre Muskulatur zittert vor Anspannung. Dann lässt sie los, ihre Arme öffnen sich in einer geschmeidigen Bewegung und gleichzeitig durchschlägt die Pfeilspitze mit einem satten Plopp das dünne Papier der Zielscheibe. Respektvoll verbeugt sich die Schützin erneut. "Das gehört zur Etikette. Es bringt die Ehrfurcht vor dem Mato zum Ausdruck", sagt Kieko Petermann-Shibata. Zur Vorbereitung auf den Schuss sei es zugleich ein Ritual, um sich zu sammeln. "In diesem Moment muss ich zur Ruhe und zu höchster Konzentration kommen. Wenn das gelingt, ist das für mich wie eine Befreiung", erläutert die 47-Jährige – und ein strahlendes Lächeln erhellt ihr Gesicht.

Kyudo ist für die Japanerin, die vor 18 Jahren aus beruflichen Gründen nach Deutschland kam, ein Weg, um zu sich selbst zu finden. Sie hat erst in Erkrath ihre Wurzeln entdeckt. "In Japan hat mich alles Europäische fasziniert." Eine Nachbarin hat sie vor sechs Jahren auf den Kyudo-Verein aufmerksam gemacht. "Anfangs habe ich falschen Ehrgeiz an den Tag gelegt und so lange mit Hanteln trainiert, bis ich anderthalb Jahre pausieren musste. Nun arbeite ich daran, mich aus der Körpermitte heraus im richtigen Moment für den perfekten Schuss zu öffnen."

Ständiger Lernprozess

Körper und Geist möchte auch Hans Heidecker in Einklang bringen. Der drahtige Berufssoldat im Ruhestand verbindet mit dem Bogen jedoch auch handfeste sportliche Ambitionen. An Wettkämpfen teilzunehmen, ist sein Ziel. "Noch bin ich nicht so weit", sagt er und schreitet entschlossenen Schrittes auf die Abschusslinie zu. Breitbeinig stellt er sich auf, legt gewissenhaft den Pfeil ein und hält erst dann einen Moment inne. Ganz nah am Gesicht spannt er kraftvoll den Bogen und lässt den Pfeil losschnellen. Der erreicht nach kurzem Flug sein Ziel. Um die Treffsicherheit zu erhöhen, steht die Scheibe von Hans Heidecker nicht ganz 28 Meter entfernt, die traditionelle Übungsdistanz der Samurai. Aus ihrer Tracht sind auch die weiten schwarzen Hosenröcke und die weißen Blusen abgeleitet, mit denen die Schützen bekleidet sind. Nur Hans Heidecker trägt Shirt und eine lockere Trainingshose. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt dem 2,20 Meter großen Bogen. Er hat den passionierten Sportschützen auf den ersten Blick fasziniert. "Er fordert Körper und Geist und hält mich fit. In jeder Übungsstunde versuche ich, meine Bewegungen zu perfektionieren und meine Konzentration zu verbessern. Es ist ein ständiger Lernprozess", so der 69-Jährige. Wachsam folgen seine Augen jeder Bewegung seiner Kollegen. Die haben sich nach einer kleinen Pause wieder in vier Reihen aufgestellt. In einer beinahe synchronen Bewegung heben sie ihre Bögen und ziehen die Sehne zurück. Für einen Moment herrscht gespannte Stille.

(RP)