Die Hildenerin Shirley Jay will zu Olympia

Kampfsport : Karate-Talent träumt vom Volltreffer

Bei der Deutschen Karate-Meisterschaft holt Shirley Jay in ihrer Altersklasse den Vizetitel. Die Elfjährige hat ein großes sportliches Ziel – einmal zu Olympischen Spielen. Jetzt steht die junge Kämpferin auf dem Sprung in den Bundeskader.

Shirley Jay wirkt wie die Ruhe selbst. Im weißen Karate-Anzug mit lila Gurt und nackten Füßen steht sie wartend vor der Trainingshalle ihrer Karateschule an der Hans-Sachs-Straße. Sie scherzt mit einigen anderen Schülern, lacht, zieht ihr Haargummi noch einmal ein wenig höher. Es ist kein normales Training heute für die deutsche Vizemeisterin. In wenigen Minuten wird die zarte Haanerin eine weitere Prüfung ablegen. Wenn sie die besteht, ist sie befugt, den braunen Gurt, also den 3. Kyu zu tragen. Dabei ist das eigentlich keine Frage, denn es gibt niemanden, der nicht an den Erfolg der kleinen großen Karatekämpferin glaubt.

Shirley hat unzählige Fans, darunter auch das älteste Vereinsmitglied, Otto Kühl, 78 Jahre alt und Schwarzgurtträger. „Shirley trainiert seit langem bei uns in der Schwarzgurt-Gruppe mit. Was dieses Mädchen leistet, was sie an Kraft und geballter Energie und höchster Konzentration zeigt, ist einzigartig“, sagt der erfahrene Sportler. Shirley lacht erfreut, bedankt sich für das Kompliment. „Ich würde so gerne einmal an den olympischen Spielen teilnehmen. Nur, ich muss dann schon 16 sein, das dauert also noch“, gesteht sie.

Einer, der diesen Traum für absolut realistisch hält, ist Sahin Ince. „Shirley wird demnächst in den Bundeskader aufgenommen“, verrät der weit über Hilden hinaus bekannte Trainer bei einer Tasse Kaffee. „Es ist eigentlich nur noch eine Art Formsache, dann ist das dingfest. Das ist natürlich auch für mich ein großer Erfolg“, fügt er hinzu. Für Shirley bedeutet das: Naionalmannschaftstraining an den Wochenenden in Maintal bei Frankfurt, das normale, nahezu tägliche Training aber weiterhin in Hilden.

„Shirley kann einfach nicht genug kriegen“, weiß ihre Mutter Ashley. „Wenn zwei, drei Stunden Karatetraining vorbei sind, würde sie am liebsten weitermachen.“ Durch den Kampfsport sei die Realschülerin im Gesamten sehr konzentriert und ausgeglichen geworden, erzählt die gebürtige Engländerin, die gemeinsam mit ihrem Mann alles dafür tut, dass der Tochter für eine große Sportkarriere nichts im Wege steht. Und auch ihre Freundinnen unterstützen sie. „Auf der einen Seite sind sie natürlich manchmal traurig, dass ich wenig Zeit habe“ sagt die Siebtklässlerin, „aber wenn ich von einem Wettkampf komme oder einer Prüfung, dann freuen sie sich immer sehr mit mir, genauso wie meine Lehrer in der Schule.“

Die junge Sportlerin bereitet sich jetzt auf die nahende Prüfung vor. Sie dehnt und streckt sich, verharrt einen Augenblick in sich selbst. Dann ist es soweit. Shirley verneigt sich vor den Prüfern, mit einem kurzen „Yoi!“ signalisiert sie: Ich bin bereit. Die vielen Zuschauer halten die Luft an, niemand will das blonde Mädchen mit der Ponyfrisur jetzt ablenken. Stille – bis auf den prägnanten, klatschenden Klang von Shirleys nackten Füßen auf den Matten und ihre Schreie. Sie schreit laut, kraftvoll.

Karate-Senior Otto Kühl hält den Daumen hoch. „Unfassbar“, schwärmt er ganz leise, „von Shirley werden wir noch ganz viel hören.“ Für alle ist im Grunde klar: Hier kann nichts schief gehen. Und natürlich erhält die Elfjährige später den braunen Gurt, den 3. Kyu. Mama Ashley strahlt vor Glück. „Ich bin so stolz auf sie“, sagt sie und ergänzt: „Wir werden zur Feier des Tages gleich erst einmal essen gehen.“

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