Doris Brauser Und Eva Nau: "Sexuelle Gewalt - reden wir darüber !"

Doris Brauser Und Eva Nau : "Sexuelle Gewalt - reden wir darüber !"

Die jüngsten BKA-Zahlen alarmieren: Täglich werden in Deutschland fast 50 Kinder misshandelt, auch sexuell (plus Dunkelziffer). Der Verein "Sag's" setzt sich für den Schutz von Kindern und Jugendlichen ein, und dafür, dass diese Hilfe erhalten - so mit einer Ausstellung, die morgen in Langenfeld startet.

Auf den ausgestellten Fotos halten sich Bettine-von-Arnim-Gesamtschüler unter anderem den Mund zu. Dabei heißt Ihr Verein doch "Sag's". Ist das nicht widersinnig?

Beraten bei Sag's e.V.: Eva Nau (r.) und Doris Brauser. Foto: Verein

Brauser Das scheint nur so. Die Ausstellung spielt auf die drei Affen an: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Das Sprechen über den Themenbereich Sexuelle Gewalt ist immer noch ein Tabu. Kinder und Jugendliche, die sexuelle Gewalt erleben, sind - obwohl das Thema in der Öffentlichkeit mehr diskutiert wird - in der Regel mit dem Erlebten immer noch allein und finden nur schwer Menschen, denen sie vertrauen können, die ihnen wirklich zuhören, ihnen glauben und sich für ihre Belange einsetzen. Der Titel der Ausstellung - "Nichts sagen, nichts hören, nichts sehen? Doch, Sag's!" betont gerade mit dem letzten Teil, dass Betroffene sich Hilfe holen dürfen und zum Beispiel zu unserer Beratungsstelle kommen können. Zudem ruft die Ausstellung dazu auf, generell über das Thema sexuelle Gewalt zu sprechen.

Foto: Verein

Wie wichtig ist Ihrem Verein die Zusammenarbeit mit Schulen?

Brauser Sehr wichtig. Sie wird seit vielen Jahren gepflegt. Sie ermöglicht eine kontinuierliche, altersentsprechende Arbeit zum Themenfeld Sexuelle Gewalt. 2017 waren 24 Klassen aus sieben verschiedenen Monheimer und Langenfelder Grundschulen an unserem Mutmach-Projekt beteiligt. Neben der Arbeit zum Körperselbstbestimmungsrecht steht dabei das spielerische Kennenlernen unserer Beratungsstelle im Vordergrund. Darüber hinaus besteht eine enge Kooperation mit weiterführenden Schulen, besonders mit den drei Gesamtschulen in Langenfeld und Monheim. So wird innerhalb der jährlichen Themen- und Projekttage mit den Jugendlichen der sechsten Jahrgänge zum Thema gearbeitet. Etwaige Schwellenängste, die einer Inanspruchnahme unserer Beratungsstelle entgegenstehen würden, können so abgebaut werden.

Gehen Sie auch in Kindergärten?

Brauser Unsere Arbeit in den Kitas umfasst vor allem Fort- und Weiterbildung von Erzieherinnen sowie Informationsveranstaltungen für Eltern. Ziel ist es, möglichst viele direkte Bezugspersonen über das Thema zu informieren und zu sensibilisieren.

Wie viele Kinder und Jugendliche suchen bei Ihnen im Jahresdurchschnitt Rat?

Nau Im Durchschnitt suchen jährlich etwa 100 Kinder und Jugendliche in der Beratungsstelle Hilfe. Bei den meisten Betroffenen werden eine oder mehrere Bezugspersonen in der gleichen Größenordnung ebenfalls von uns beraten. Für alle Ratsuchenden ist es ein schwerer Schritt, sich an Sag's e.V. zu wenden. Einige betroffene Jugendliche schaffen es dennoch, sich ganz alleine bei uns zu melden.

Warum ist das so schwer?

Nau Selbst Bezugspersonen, die die Kinder und Jugendlichen gut kennen, unterschätzen zum Teil, wie schwer es für Betroffene ist, sich ohne Unterstützung an unsere Beratungsstelle zu wenden. Daher möchten wir auch an dieser Stelle darauf hinweisen, wie wichtig eine Begleitung mindestens zum ersten Termin für die Kinder und Jugendlichen ist. Selbstmelder sind daher nur eine kleine Gruppe der Ratsuchenden. Weitaus häufiger sind es Mütter, Institutionen und das Jugendamt, die den Erstkontakt herstellen. Daher möchten wir besonders auch die Gruppe der möglichen Selbstmelder mit unserer Ausstellung erreichen und sie ermutigen, über das Erlebte zu sprechen.

Nach den jüngsten BKA-Zahlen überwiegen Mädchen unter den Opfern bei weitem. Deckt sich das mit Ihren Zahlen?

Nau Auch in der Beratungsstelle melden sich mehr Mädchen als Jungen. Allerdings fällt es Jungen auch nach wie vor aufgrund der immer noch geschlechtsspezifischen Erziehung schwerer, von erlebten sexuellen Übergriffen zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Und das Alter - gibt es da einen Schwerpunkt bei den Fallzahlen?

Nau In den allgemeinen Zahlen findet man, dass die gefährdetste Gruppe im Kindergarten- und Grundschulalter zu finden ist. Bei uns kommt ein Teil der Betroffenen offensichtlich erst später an, das heißt ab dem Jugendlichenalter.

Wie sieht es auf der anderen Seite aus: Gibt es den typischen Täter?

Brauser Täter und auch Täterinnen sind außer durch die Tatsache, dass sie Kinder zu sexueller Gewalt zwingen, nicht von anderen Männern und Frauen zu unterscheiden. Generell findet sexuelle Gewalt meistens im sozialen Nahraum der Kinder und Jugendlichen - Väter/Väterersatzpersonen, männliche Verwandte oder Bekannte - statt, so dass sie genau dort, wo sie eigentlich den größten Schutz erfahren sollten, am gefährdetsten sind.

Mit welchen Spektrum an Übergriffen haben Sie es zu tun?

Nau Für unsere Arbeit ist eine juristische Einteilung in leichtere oder schwerere Fälle nicht hilfreich. Wir sehen jedes Kind und jeden Jugendlichen mit ihren individuellen Erlebnissen als Hilfesuchende, für die wir Ansprechpartnerinnen sein wollen. In der Beratungsstelle kommen Ratsuchende mit allen denkbaren und auch undenkbaren Erlebnissen sexueller Gewalt an.

Den Verein "Sag's" gibt es jetzt seit 27 Jahren. Das BKA sieht im Internet einen Treibsatz für sexuelle Gewalt gegen Kinder. Gibt es auch etwas, das sich seit 1991 zum Positiven gewandelt hat?

Brauser Das Thema wird mehr in der Öffentlichkeit thematisiert. Die Menschen wissen jetzt, dass sexuelle Gewalt häufig passiert, was lange Zeit eher geleugnet wurde. Mehr Menschen wissen - auch wenn es ihnen immer noch schwer fällt, das zu glauben -, dass sexuelle Gewalt vor allem von Menschen aus dem nahen sozialen Umfeld der Kinder und Jugendlichen ausgeübt wird. Die Akzeptanz unserer Beratungsstelle ist ebenfalls gestiegen. Heute heißt es: "Gut, dass es euch gibt". Für Ratsuchende ist der Weg zu uns im allgemeinen jedoch immer noch schwer. Nicht zuletzt deshalb bedarf es Ausstellungen wie die bevorstehende, um deutlich zu machen: Ihr dürft darüber reden und euch Hilfe holen!

DIE FRAGEN STELLTE THOMAS GUTMANN.

(RP)
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