Mettmann: Mordprozess: Dolmetscherin ermittelt selbst

Mettmann : Mordprozess: Dolmetscherin ermittelt selbst

So etwas hat niemand kommen sehen: Im Prozess am Wuppertaler Landgericht gegen Milan S. (39) wegen Totschlags einer 81-jährigen Mettmannerin sorgten am Freitag nicht die sechs geladenen Zeugen, allesamt Kriminalpolizisten, die nach der Tat 1994 mit den Ermittlungen zu tun hatten, sondern ausgerechnet die Dolmetscherin für eine unerwartete Entwicklung.

Nach eigenen Angaben war sie bei der Recherche im Internet auf den Artikel in einer serbischen Zeitung gestoßen, die 1996 — also zwei Jahre nach der Tat, die dem Angeklagten zur Last gelegt wird — über eine Frau (66) berichtete, die im Streit von ihrem Untermieter getötet wurde. Der Name des Untermieters: Milan S.

Die Eltern, das ging aus dem Text hervor, den der Vorsitzende Richter verlas, drängten ihren Sohn, sich den Behörden zu stellen, was dieser auch umgehend tat. Außerdem wiesen sie darauf hin, dass er seit dem Bürgerkrieg unter Depression leide. Von den juristischen Folgen für den geständigen Täter war im Artikel dagegen keine Rede. Der Vorsitzende Richter, der Staatsanwalt und nicht zuletzt der Verteidiger waren am Freitag angesichts der eigenmächtigen Ermittlungen der Übersetzerin zunächst völlig ratlos und mussten die Sitzung unterbrechen.

Anschließend ermahnte der Vorsitzende Richter die Dolmetscherin eindringlich und erklärte, sie sei mit ihrer Eigeninitiative ganz eindeutig über das Ziel hinausgeschossen und habe ihren eigentlichen Auftrag aus den Augen verloren. "Das ist eine neue und so noch nicht aufgetretene Situation", stellte der Vorsitzende Richter fest.

Der Verteidiger von Milan S. betonte, dass er die Übersetzerin nun natürlich kaum noch mit zu einer Unterredung mit seinem Mandanten nehmen könne, die Dolmetscherin sei befangen. Zwar stellte er am Ende des Verhandlungstages keinen entsprechenden Antrag, das Gericht folgte aber seinem Vorschlag: Bereits am Freitag gelang es dem Verteidiger, kurzfristig einen anderen Übersetzer hinzuzuziehen, der ab Montag in das Verfahren einsteigt.

Die fünf Kriminalpolizisten, die am Freitag befragt wurden, konnten dagegen nichts Erhellendes zum Verfahren beitragen. Keiner von ihnen - weder Ermittler, ein Fachmann für Tatorte und Spurensicherung noch der frühere Mettmanner Kommissariatsleiter — konnten sich an ihre Beteiligung an den Untersuchungen vor zwei Jahrzehnten erinnern.

Auch ein Blick in die Akte frischte ihr Gedächtnis kaum auf, nicht einmal an die Befragungen der Mutter und des Bruders von Milan S. konnten sich die jeweiligen Beamten erinnern. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt

(ila)
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