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Metmmann: Debattierkunst gegen Corona-Blues

Das Vergnügen der kontroversen Diskussion : Debatten als Alternative zu Langeweile

Witzig, philosophisch, tiefsinnig oder nur spannend: Familie Voss pflegt die Kunst der kontroversen Diskussion.

Frau Voss, was hilft in der sechsten Woche Shutdown im Familienverbund mit zwei Söhnen im Alter von elf und 13 Jahren gegen Langeweile oder Lagerkoller?

VOSS Letztlich bin ich durch meine Weltumseglung von 1999 bis 2000 Lagerkollererfahren. Denn noch mehr Unausweichlichkeit als an Bord einer kleinen Segelyacht gibt es nicht. Seit der Corona-Krise haben wir vom ersten Tag an unser Leben strukturiert. Dazu gehörte, Unterscheidungen zwischen Wochentagen und dem Wochenende zu machen. Ebenso konsequent waren wir bei der Strukturierung des Alltags mit dem Schulprogramm für unsere Söhne.

Das wurde knallhart realisiert?

VOSS Die Maßstäbe wurden entspannt gesetzt. Es wurde also nicht bloß Mathe oder Grammatik gelernt, ebenso stehen Kunst, Briefe an die Großeltern und Paten oder Haushaltskunde an. Was wir nicht getan haben ist, den Digitalkonsum deutlich nach oben zu schrauben. Das fanden unsere Jungs natürlich nicht gut, haben wir aber durchgezogen.

Wie entwickelte sich die Dialog-Idee?

VOSS Wir sitzen jetzt gerne mittags lange zusammen, das können wir im normalen Alltag nicht. Bedingt durch meinen Beruf als Coach sind Fragen und Selbstreflexion mein Thema. Rund um ein Buch von Rolf Dobelli entwickelte sich dann eine Fragerunde, alle waren sofort begeistert.

Über was debattieren sie?

VOSS Letztlich sind es Themen, die von elf bis 47 Jahren passen müssen. Eine meiner Lieblingsfragen dreht sich um Arbeit und Bezahlung. Sie lautet: ‚Wenn jeder Beruf gleich gut bezhalt würde, für welchen würdest Du Dich entscheiden?’. Aber es geht oft um Lustiges, was das beste Versteck wäre, würde man per Haftbefehl gesucht. Wir haben viel zu lachen – und vor allem interessante Diskussionen.

Gibt es Debattierregeln?

VOSS Nein, es läuft nach dem Motto der Gedankenfreiheit und raus damit. Es gibt auch ohne Moderator oder feste Regeln eine ganz gute Debattierkultur bei uns. Das Schwierigste ist, den anderen aussprechen zu lassen. Auch sich einer Bewertung zu enthalten, ist wichtig. Es gibt kein richtig und kein falsch. Jede Antwort ist gut.

Jenseits dessen, dass die Debattierrunde ein kluger Zeitvertreib ist, welchen Effekt hat sie?

VOSS Aus familiärer Sicht lernen wir, einander besser zu verstehen, also zu sehen, wie der andere tickt. Das hilft, Unterschiede besser anzuerkennen, vor allem in Punkten, in denen wir charakterlich wirklich unterschiedlich sind. Interessant ist auch zu lernen, auf den Punkt zu kommen, aber auch typische Denkmuster bei sich selbst zu hinterfragen.

In welchem Kontext stehen Gesprächs- und Streitkultur?

VOSS Konflikte oder Zoff, das kennen wir als Familie natürlich. Wir sind alle kommunikationsfreudig und eher extrovertiert. Die Dialog-Idee jetzt hilft dabei, mit Ängsten und Sorgen umzugehen und in dieser besonderen, durch die Corona-Pandemie bedingten Situation keine Dinge wegzuschweigen. Gemeinsam seine Zeit zu verbringen, hat damit eine besondere Wertigkeit. Für uns sind die regelmäßigen Debatten, bevorzugt nach dem gemeinsamen Mittagessen geführt, ein schönes Ritual geworden.

Lässt sich das Ritual jenseits dieser besonderen Phase konservieren?

VOSS Das wird sich zeigen. Normalerweise ist unser Alltag sehr anders, unsere Söhne haben ihre Sporttermine und Verabredungen mit Freunden, ich bin beruflich viel unterwegs. Dass wir zu viert mittags am Tisch sitzen, gibt es sonst nur selten. Ich hoffe also, dass wir es irgendwie schaffen, dieses Ritual zum Beispiel am Wochenende zu kultivieren.

Die Fragen werden nur im Familienverbund gestellt oder ist die Idee auch für andere bestimmt?

VOSS Die interessantesten 99 Fragen haben wir gesammelt, als PDF gebündelt und auf meine Homepage gestellt. Die Resonanz von Freunden war prima, die meisten finden die Idee cool. Und ich bin ja ein Fragen-Fan, wie gesagt: Selbstreflexion ist mein lebenslanges Thema Damit werde ich mich weiter beschäftigen. Und wenn sich die Diaologreihe fortsetzen lässt und – wie auch immer – noch mehr Leute mitmachen: Ich bin für alles offen, ich bin dabei.