Erkrath: Johannes darf nicht auf die Grundschule

Erkrath : Johannes darf nicht auf die Grundschule

Ein Beispiel von misslungener Inklusion: Die Behörden in Erkrath wollen einen 13-jährigen, körperbehinderten Jungen nicht in dritte Klasse einschulen.

"Johannes ist 20 Jahre zu früh geboren", sagt seine Mutter Caroline B. Denn es scheint, als bliebe ihm die Inklusion verwehrt. Durch eine spastische Lähmung hat der heute 13-Jährige erst sehr spät gehen und mit sechs Jahren erst sprechen gelernt. Zurzeit besucht er die sechste Klasse einer Förderschule in Düsseldorf. Da er sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt hat, würden seine Eltern ihn gerne in die Grundschule Willbeck schicken, die einen Kilometer vom Wohnort der Familie entfernt liegt. Und zwar in ein drittes Schuljahr. "Lehrer haben uns den Entwicklungsstand eines Achtjährigen bestätigt", sagte seine Mutter.

Doch das geht nicht. Weil Johannes schon 13 Jahre alt ist, darf er laut Ausbildungsordnung Grundschule § 2 Abs. 1 nur in die Sekundarschule übernommen werden. "Dieser Weg ist nicht gangbar. Das Scheitern wollen wir unserem Sohn ersparen", sagt Johannes' Vater. "Ich will keinen warmen Sitzplatz für meinen Sohn, ich will Teilhabe an normaler Bildung", erklärt seine Mutter. "Wir möchten es auf der Grundschule versuchen, und zwar auf einer realistischen Basis." Als Alternative müsste er auf der Förderschule bleiben.

Johannes selbst hat konkrete Wünsche für seine Zukunft. "Ich will nicht in einer Behindertenwerkstatt arbeiten", sagt er, "ich möchte später in einer Bücherei Bücher sortieren und Fragen beantworten. Ich brauche einen Arbeitsplatz, an dem ich nicht viel und schnell laufen muss." Johannes ist ein motivierter Junge, der darauf brennt, Texte aus seinem Schulbuch vorzulesen. Das geht einwandfrei, nur etwas langsamer als bei anderen Kindern, weil er sich Mühe beim Artikulieren geben muss. Das Rechnen geht sehr schnell: Dreistellige Zahlen untereinander subtrahieren — das macht er im Kopf. "Zahlen sind sein Ding", sagt die Mutter, "und Wetterdaten, die interessieren ihn."

"Ich möchte mit normalen Kindern lernen", sagt Johannes und fügt an: "Und schreiben Sie bitte, dass ich nicht gewickelt werden muss. Ich kann alleine aufs Klo gehen. Vielleicht muss mir jemand helfen, meinen Hosenknopf zuzumachen." Einen Rollstuhl braucht Johannes nicht. In seiner jetzigen Schule bewegt er sich mit einem Rollator. Er kann aber auch selbstständig gehen, stehen und sitzen.

Den Eltern zufolge würde die Grundschule Willbeck den Jungen in die dritte Klasse aufnehmen. "Dort gibt es zwei Lehrerinnen", sagt Caroline B. "Die Klasse ist klein und die Kinder sind lieb." Nach einem Besuch in der Schule soll die Leitung signalisiert haben, dass sie den Jungen schon zum Februar nehmen könnte. Schulleiterin Barbara Arts verwies unsere Anfrage an die Schulrätin des Kreises, Simone Schlepp, und die verwies an die Bezirksregierung. Diese bleibt hart: Das Schulamt suche eine Beschulung von Johannes in einer ortsnahen Sekundarschule I zu realisieren, die Entscheidung hänge aber letztlich von den Eltern ab.

(RP)