Taschenrechner für 100 Euro: Für Eltern wird die Schule immer teurer

Taschenrechner für 100 Euro : Für Eltern wird die Schule immer teurer

Neue Bücher, Hallen-Turnschuhe, Klassenfahrten, Farbmalkasten, Hefte, Wachsmalkreide – die Liste der Schulmaterialien, die jedes Jahr angeschafft werden müssen, ist lang. Jetzt wird ein Grafik-Taschenrechner Pflicht – er kostet knapp 100 Euro.

Neue Bücher, Hallen-Turnschuhe, Klassenfahrten, Farbmalkasten, Hefte, Wachsmalkreide — die Liste der Schulmaterialien, die jedes Jahr angeschafft werden müssen, ist lang. Jetzt wird ein Grafik-Taschenrechner Pflicht — er kostet knapp 100 Euro.

Im Internet füllen Eltern ganze Diskussions-Foren mit ihrem Ärger über die steigenden Kosten. So schimpft etwa Mutter Angela bei Elterntreff-Online: "Mein Kleiner ist in der zweiten Klasse. Wir haben 50 Euro Büchergeld überwiesen, diverse neue Stifte bezahlt und demnächst kommt noch eine Klassenreise für 130 Euro hinzu." Viele Eltern haben das Gefühl, dass ihnen die Kosten langsam über den Kopf wachsen. Das neueste Ärgernis ist ein vom NRW-Schulministerium vorgeschriebener Grafik-Taschenrechner. Die Rechenmaschinen kosten an die 100 Euro (je nach Modell) und werden ab dem kommenden Schuljahr Pflicht für alle Oberstufenschüler.

Das Schulministerium schreibt in seinem Gesetz das Verwenden der Rechner für alle Schüler in NRW ab Klasse zehn vor. Ab 2017 sollen die Grafik-Taschenrechner dann auch im Zentralabitur an Gymnasien und Gesamtschulen zum Einsatz kommen. Das Hauptargument des Schulministeriums für die neuen Rechner: Die Grafikrechner würden "das Entdecken mathematischer Zusammenhänge fördern, bessere Darstellungsmöglichkeiten bieten und die Schüler entlasten".

Am Heinrich-Heine-Gymnasium in Mettmann arbeiten die Schüler bereits seit einem Jahr mit den neuen Rechnern. Per Sammelbestellung wurde der "TI-nspire CX" der Marke Texas Instruments angeschafft — Kostenpunkt: 100 Euro. Anders als herkömmliche Taschenrechner können die neuen Mini-Computer Grafiken anzeigen. Zudem haben sie ein höher auflösendes und farbiges Display. Auch im Matheunterricht eröffnet der Rechner neue Möglichkeiten: Der Mathelehrer kann seinen "TI-nspire CX" mit dem Computer verbinden und somit Graphen an die Wand beamen. Außerdem können Grafiken gespeichert werden.

Eltern und Schüler am Heinrich-Heine-Gymnasium reagieren skeptisch auf die teure Anschaffung. "Ich finde es ungerecht, dass Familien mit mehreren Kindern oder Familien mit weniger Geld für die Kosten aufkommen müssen. Auch wenn es Fördervereine gibt, die in solchen Situationen unterstützen, wird sich aus Scham sicherlich nicht jede Familie melden", sagt Zehntklässlerin Julia Heinrichs (16). Für die Oberstufe findet Vanessa Weimer den Taschenrechner grundsätzlich sinnvoll. Die Unterstufe sollte jedoch weiterhin lernen, wie man auch ohne auskommt, betont die 15-Jährige. Auf Elternseite wird besonders der hohe Preis in Frage gestellt. "Es gibt ausreichend gute Rechner zu einem weitaus günstigeren Preis", sagt Michael Buchanenko (49) aus Mettmann und Susanne Heinrichs (51) aus Mettmann ist der Meinung, dass es sich die Schulen zu einfach machen: "Viele Familien sind gar nicht in der finanziellen Lage, diese Kosten zu bewältigen, weil sie mehr als nur ein Kind haben."

Hanno Grannemann, stellvertretender Schulleiter am Heinrich-Heine-Gymnasium, kann den Unmut verstehen. "Die Kosten für Bücher, Grammatiken und Lernhefte werden jedes Jahr teurer. Ich habe selber drei Kinder und weiß, wie schnell da eine ganze Stange Geld zusammenkommt", erzählt er. Jedoch müsse zwischen Lehr- und Arbeitsmaterialien unterschieden werden. "Das sind unterschiedliche Töpfe. Für Lehrbücher legt die Schulkonferenz jedes Jahr ein Budget für die verschiedenen Jahrgangsstufen fest. Die Eltern tragen dann ein Drittel der Kosten, der Rest wird aus Landesmitteln bezahlt", erläutert Grannemann. Der höchste Betrag in diesem Jahr läge bei 38 Euro für die Klassen fünf.

Anders sieht es bei der Finanzierung des neuen Grafik-Taschenrechners aus: "Der Rechner fällt laut Gesetz nicht in die Kategorie Lehrmaterialien und wird daher auch nicht von der Schule bezuschusst", so Grannemann. Auch Arbeitsmaterialien wie Stifte, Hefte und Kunstmaterialien müssen die Eltern selber tragen, ebenso wie die Kosten für Klassen- und Studienfahrten.

(RP)
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