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An(ge)dacht: Erinnern - Erkennen - Engagieren

An(ge)dacht : Erinnern - Erkennen - Engagieren

Wer in der Lutherstadt Wittenberg um die Stadtkirche herumgeht, muss aufpassen, dass er nicht stolpert. Direkt hinter der Predigtstätte Martin Luthers hebt sich der Boden. Vier Platten sind in den Boden eingelassen.

In der Mitte quillt etwas zwischen den Fugen heraus, was die Platten eigentlich zudecken sollte, sich aber nicht verdrängen lässt. Die Fugen der Platten ergeben ein Kreuz. Was einen ins Stolpern bringen kann, ist ein Denkmal. Es wurde 50 Jahre nach den nationalsozialistischen Judenpogromen am 9./10. November 1938 von der evangelischen Kirchengemeinde gestiftet. Wenn man an der Fassade der Kirche nach oben sieht, entdeckt man nämlich ein Symbol der Judenhetze. Im 13. Jahrhundert wurde dort eine "Judensau" angebracht.

Soll diese Vergangenheit mit ihren schrecklichen Auswirkungen als Teil christlicher und deutscher Geschichte verschwiegen werden? Die Wittenberger Kirchengemeinde hat anders entschieden und ihre Lektion aus der Geschichte gelernt. Das Mahnmal deutet das Vergangene für die Lebenden. Denn: "Nicht die Erinnerung", so formulierte es unser ehemaliger Bundespräsident Richard von Weizsäcker, "sondern das Vergessen ist und bleibt die Gefahr."

Die menschenverachtenden Grausamkeiten unserer Geschichte können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir dürfen sie nicht abschütteln, wie man Regen von den Kleidern schüttelt. Erinnern heißt, sich Gedanken zu machen gegen das Vergessen. Heißt, Impulse zu setzen gegen Gleichgültigkeit und Desinteresse. Solche Erinnerung ist nicht angenehm, sondern eine Zumutung. Zum Beispiel das Straßenschild in Erkrath für den Polen Tomas Brzostowicz am Hausmannsweg, der in Millrath 1941 erhängt wurde. Zum Beispiel die 15 Stolpersteine in den Städten Erkrath, Haan und Mettmann. Der Kölner Künstler Gunter Demnig erinnert mit ihnen an Opfer des Nationalsozialismus, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln in den Gehweg einlässt. Zum Beispiel die Veranstaltungen, in denen Zeitzeugen in Schulen oder Kirchen zu Wort kommen.

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Eine Kampagne der Evangelischen Jugend bringt es anlässlich des 75. Jahrestages der Reichspogromnacht auf den Punkt: "Wir wollen uns ERINNERN, um mit unseren jüdischen Geschwistern zu trauern und zu gedenken. Aber auch um aus der Erinnerung zu lernen. Um unseren Blick zu schärfen und zu ERKENNEN, was jetzt und heute um uns herum geschieht. Wir wollen aufmerksam sein und uns ENGAGIEREN gegen Diskriminierungen, gegen Übergriffe und Gewalt in Worten und Taten gegen einzelne Mitmenschen und Menschengruppen."

Andreas Müller, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Hochdahl

(RP)